Der Spieleabend, bei dem keiner Lust hatte
Alle waren kaputt, keiner wollte wirklich kommen, und trotzdem war es einer der besten Abende seit langem. Manchmal braucht es eben nicht viel.
Fünf Absagen, die keine waren
Donnerstagabend, Ende März. Einer dieser Wochen, in denen sich schon der Montag wie ein Freitag anfühlt, nur ohne die Erleichterung.
Es fing an mit Nils' Nachricht in der Gruppe, eine Stunde vor dem Treffen: "Leute, ich bin so platt. Sage ich ab oder komme ich?" Fünf Minuten Stille. Dann Dennis: "Mir geht's genauso. Aber absagen fühlt sich auch blöd an." Janna: "Komm einfach. Wir sitzen halt da."
Das war der Moment, an dem der Abend fast nicht stattgefunden hätte. Und ich kenne das, dieses Abwägen zwischen Sofa und Verpflichtung. Man hat den ganzen Tag funktioniert, war freundlich zu Leuten, denen man nicht freundlich sein wollte, hat in Meetings genickt, in denen es nichts zu nicken gab. Und dann soll man abends noch rausgehen, sich hinsetzen, Regeln erklären, Spaß haben? Das klingt nach Arbeit.
Ich selbst hatte drei Meetings zu viel gehabt, eins davon aktiv sinnlos. Mein Plan war Jogginghose und Serie. Aber ich hatte zugesagt, den Abend zu hosten, und bei mir ist Absagen irgendwie immer schlimmer als Hingehen. Also habe ich Tee aufgesetzt statt Wein. Das sagt schon alles über unseren Zustand.
Dennis kam direkt von der Arbeit, noch im Hemd, Laptop-Tasche über der Schulter. Marco hat beim Reinkommen gegähnt. Nils kam als Letzter, in Hausschuhen (was alles über seinen Abend sagte). Fünf erschöpfte Menschen an meinem Esstisch. Kein Bier, nur Tee. Draußen Regen.
Der gescheiterte Versuch
Aus Gewohnheit habe ich Carcassonne auf den Tisch gelegt. Carcassonne geht immer, dachte ich. Plättchen legen, Wiesen, Städte, bekanntes Terrain.
Ich habe den Deckel aufgemacht, die Plättchen ausgebreitet, und dann ist etwas passiert, das ich so noch nie erlebt hatte: Alle haben die Plättchen angeschaut, und dann haben alle gleichzeitig beschlossen, dass niemand dafür die Energie hat. Kein lautes Nein. Eher ein kollektives Ausatmen.
Dennis hat es am besten zusammengefasst: "Können wir nicht einfach... sitzen?"
Das war der Satz, der den Abend definiert hat. Nicht als Niederlage, sondern als Erlaubnis. Normalerweise hätte mich das gestört. Ich plane Spieleabende, ich habe Spiele vorbereitet, Snacks besorgt. Aber an diesem Abend war Dennis' Satz genau das, was alle brauchten: Die Erlaubnis, einfach da zu sein, ohne etwas leisten zu müssen.
Ich habe Carcassonne eingepackt und die Teekanne nachgefüllt.
Pictures als leiser Einstieg
Zehn Minuten haben wir tatsächlich nur gesessen. Geredet, aber nicht viel. Marco scrollte halbherzig durchs Handy. Janna hatte die Augen halb zu. Es hätte ein stiller Abend werden können, und das wäre auch in Ordnung gewesen.
Dann meinte Marco: "Hast du nicht dieses Spiel, wo man Sachen nachbaut?" Er meinte Pictures. Und er hatte damit genau das Richtige getroffen.
Es liegen 16 Fotos aus. Jeder bekommt eins zugewiesen und stellt es mit Material dar. Steine, Schnürsenkel, Bauklötze, Farbwürfel. Die anderen raten, welches Foto gemeint ist. Das ist alles. Keine Strategie, kein Wettbewerb. Nur Hände, die etwas tun, während der Kopf sich ausruhen darf.
Wir haben nicht mal erklärt. Einfach angefangen. Und was dann passiert ist, hat nichts mit dem Spiel zu tun und alles mit der Situation: Dennis hat aus vier Steinen und einem Schnürsenkel einen Leuchtturm gebaut, und Janna hat gelacht. Nicht laut. Dieses ehrliche, überraschte Lachen, das man nur bekommt, wenn man nicht damit rechnet. Nils hat mit Bauklötzen ein Foto nachgebaut, das entweder einen Bergsee oder eine Schüssel Müsli darstellte (die Meinungen gingen auseinander, was es nur lustiger machte).
Der Punkt war nicht, dass Pictures ein tolles Spiel ist (ist es). Der Punkt war, dass es uns eine Beschäftigung gegeben hat, die nichts verlangt. Hände haben etwas zu tun. Augen haben etwas zu sehen. Und dazwischen entsteht Raum für alles andere.
- Kreativ ohne Anstrengung
- Kein Gewinndruck, nur Raten und Lachen
- Spiel des Jahres 2020, zurecht
- Maximal 5 Spieler
- Braucht etwas Platz auf dem Tisch
Die Gespräche, die nur so passieren
Nach Pictures hat Janna gefragt, ob wir Codenames Duett spielen können. Die kooperative Variante, bei der man zusammenarbeitet statt gegeneinander. Wir haben es zu fünft gespielt, in wechselnden Zweierteams, der Rest schaut zu und leidet mit.
Und hier ist etwas passiert, das ich an dem Abend nicht erwartet hatte: Die Hinweise wurden persönlich. Nicht absichtlich. Aber wenn man müde ist, fallen einem keine cleveren Assoziationen ein. Man greift auf das zurück, was gerade im Kopf ist. Nils hat als Hinweis für "Krone" und "Bett" das Wort "Freitag" gegeben (weil Freitag für ihn König sein und sofort ins Bett fallen bedeutet). Dennis hat für "Karte" und "Stern" das Wort "Navigation" gegeben und dann fünf Minuten erklärt, wie er letzte Woche mit dem Auto komplett falsch abgebogen ist, weil sein Navi ihn in eine Baustelle geschickt hat. Das Spiel war fast Nebensache.
- Kooperativ, kein Wettbewerb
- Man redet automatisch miteinander
- Funktioniert auch zu fünft in wechselnden Teams
- Braucht Grundvokabular für gute Hinweise
- Stiller als die kompetitive Variante
Was mich an dem Abend am meisten überrascht hat: Die ehrlichsten Gespräche passierten nicht, weil jemand gefragt hat "Wie war deine Woche?". Sie passierten zwischen den Zügen. Nils hat irgendwann von seinem Projektleiter erzählt, der um 16 Uhr noch "kurze" Meetings ansetzt. Janna von einem Chef, der zwanzig Minuten ein Organigramm an die Wand projiziert hat, ohne ein einziges Mal zu erklären, warum sich was ändert. Dennis hat gegähnt und gesagt: "Mein Chef macht das auch. Aber ohne Organigramm. Er ändert einfach Sachen und hofft, dass es keiner merkt."
Es gab kein "Lass mal über unsere Probleme reden". Es gab ein Spiel, das die Hände beschäftigt hat. Und weil niemand sich angestrengt hat, witzig oder unterhaltsam zu sein, war alles ehrlicher als sonst. Marco hat irgendwann gesagt: "Ich weiß gar nicht warum, aber ich fühl mich gerade besser als heute Morgen." Niemand hat geantwortet. Musste auch nicht.
Der Wendepunkt
Es war zehn vor zehn. Ich war kurz davor vorzuschlagen, dass wir Schluss machen. Donnerstagabend, alle platt, völlig okay aufzuhören.
Dann hat Dennis sein Handy hochgehalten. "Eine Runde Let's Fib? Nur eine."
Ich weiß nicht, was an diesem Abend anders war. Vielleicht die Müdigkeit. Vielleicht die Tatsache, dass unsere Filter nach zwei Stunden komplett runtergefahren waren. Aber die Antworten bei Let's Fib waren auf einem anderen Level. Einer bekommt die echte Antwort auf eine Frage, alle anderen erfinden eine falsche. Dann wird geraten. Alles im Browser, dreißig Sekunden Setup.
Die Frage war irgendwas über das älteste bekannte Brettspiel. Nils' falsche Antwort: "Mensch ärgere dich nicht, erfunden von einem Mann, der seinen Nachbarn hasste." Marco: "Ein ägyptisches Spiel namens Senet, bei dem der Verlierer den Pharao fächern musste." Janna: "Tic-Tac-Toe. Auf einem Stein. 3000 v. Chr." Alle plausibel. Alle falsch (bis auf eine). Das Lachen, das danach kam, war das lauteste des ganzen Abends.
Und das war der Moment. Nicht weil Let's Fib ein besonderes Spiel ist (obwohl es das ist). Sondern weil fünf Menschen, die zwei Stunden vorher am liebsten zu Hause geblieben wären, plötzlich zusammen lachten, als gäbe es nichts Besseres. Aus einer Runde wurden sechs. Um halb elf hat Dennis gefragt: "Wann machen wir genau DAS nochmal?" Nicht "wann treffen wir uns wieder", sondern genau DAS. Diesen Abend. Diese Müdigkeit. Diese Ehrlichkeit. Wer Spiele ohne Vorbereitung sucht, für genau solche Abende: Let's Fib ist genau das Richtige.
- Null Vorbereitung, läuft im Browser
- Müde Lügen sind die lustigsten
- Funktioniert mit jeder Gruppengröße
- Jeder braucht ein Handy mit Internet
Warum Hingehen immer besser ist
Ich denke seitdem oft an diesen Donnerstag. Nicht wegen der Spiele. Die waren Mittel zum Zweck, ein Rahmen, ein Vorwand. Ich denke daran, weil jeder von uns einen guten Grund gehabt hätte, abzusagen. Und wahrscheinlich hätten wir alle stattdessen allein auf dem Sofa gesessen, durch Instagram gescrollt und uns am nächsten Morgen nicht besser gefühlt.
Was der Abend mich gelehrt hat: Der Spieleabend ist kein Programmpunkt. Er ist ein Ritual. Der Unterschied ist wichtig. Ein Programmpunkt braucht Energie, Vorbereitung, Lust. Ein Ritual braucht nur Aufkreuzen. Man muss nicht gut drauf sein. Man muss nicht unterhaltsam sein. Man muss nicht mal spielen wollen. Man muss nur da sein.
Carcassonne lag den ganzen Abend unbenutzt auf der Kommode. Und es war trotzdem einer der besten Spieleabende, die wir je hatten. Weil die Spiele an dem Abend nicht das Programm waren, sondern der Vorwand, beieinander zu sein. Pictures hat unsere Hände beschäftigt. Codenames Duett hat uns zum Reden gebracht. Und Let's Fib hat bewiesen, dass müde Menschen die besten Geschichten erfinden.
Falls ihr gerade in eurer Gruppe eine Phase habt, in der alle immer öfter absagen: Senkt die Erwartungen. Kein großes Spiel, kein Abendprogramm. Tee, ein paar Karten auf dem Tisch, und die Erlaubnis, einfach nur da zu sein. Manchmal ist das mehr als genug. Wer Hilfe beim Spieleabend planen braucht, findet dort ein paar Ideen.