Spielen über Videocall: Geht das überhaupt?

Nils hat sich den Knöchel gebrochen. Absagen wollte keiner. Also haben wir es einfach über Zoom versucht.

Ayla Ayla · · 6 Min. Lesezeit
Laptop mit Videocall-Gesichtern auf dem Bildschirm, daneben Spielkarten und Snacks auf einem gemütlich beleuchteten Tisch

Der gebrochene Knöchel

Es war ein Dienstag, als Nils seine Nachricht in die Gruppe schickte. Foto von seinem Fuß in einer Schiene, dazu: "Treppe. Glatteis. Sechs Wochen Schiene. Spieleabend fällt wohl aus?" Nils wohnt zwei Orte weiter und mit Krücken durch Heidelberg im Februar wollte ihm niemand zumuten.

Dennis antwortete in unter einer Minute: "Zoom?" Dazu ein Shrug-Emoji. Marco fand die Idee sofort gut. Janna war skeptisch ("Wir spielen doch keine Brettspiele über eine Webcam?"). Ich war irgendwo dazwischen. Neugierig, aber mit niedrigen Erwartungen.

Das war vor vier Wochen. Seitdem haben wir dreimal remote gespielt. Und ich bin ehrlich überrascht, wie wenig sich manche Abende von den echten unterschieden haben. Nicht alle. Aber manche.

Was überraschend gut funktioniert

Let's Fib: Funktioniert remote fast besser

Ich sage das nicht leichtfertig, weil wir Let's Fib auch am Tisch ständig spielen. Aber remote? Mindestens genauso gut. Vielleicht sogar besser.

Der Grund ist simpel: Let's Fib läuft komplett im Browser. Jeder öffnet die Seite, scannt den Code, fertig. Ob man nebeneinander am Tisch sitzt oder in fünf verschiedenen Wohnungen, macht für das Spiel keinen Unterschied. Die Antworten erscheinen auf dem Bildschirm, man rät wer gelogen hat, und die Auflösung ist genauso lustig wie immer.

Was remote sogar besser funktioniert: Man sieht die Gesichter über die Kamera. Großaufnahme. Wenn Marco versucht, ein Pokerface zu machen, während er gerade die absurdeste Lüge seines Lebens getippt hat, dann sieht man das über Zoom deutlicher als am Tisch, wo man vielleicht gerade auf seine eigenen Karten schaut. Janna hat beim zweiten Remote-Abend dreimal hintereinander Marcos Lüge erkannt, nur weil er jedes Mal kurz nach links oben geschaut hat. Am Tisch wäre das niemandem aufgefallen.

Smartphones auf einem Tisch mit Let's Fib auf dem Bildschirm

Nils meinte danach: "Das war ehrlich gesagt besser als befürchtet." Was von Nils quasi ein Fünf-Sterne-Review ist.

Let's Fib Remote-König 1–20+ Spieler · Dauer beliebig
  • Läuft komplett im Browser, null Setup
  • Alle spielen gleichzeitig auf dem eigenen Gerät
  • Funktioniert remote genauso gut wie vor Ort
  • Jeder braucht ein zweites Gerät neben dem Videocall

Codenames: Der Klassiker geht online

Jannas Vorschlag, und ich war zunächst skeptisch. Codenames lebt doch davon, dass man sich gegenübersitzt und Reaktionen liest? Schon. Aber es gibt eine kostenlose Online-Version, bei der alle dasselbe Spielfeld im Browser sehen. Kein Account, keine Installation. Einer erstellt den Raum, teilt den Link, und in einer Minute spielen alle mit.

Was mich überrascht hat: Die Team-Diskussionen funktionieren remote richtig gut. Wir haben zwei Breakout-Rooms gemacht (Jannas Idee, sie nutzt Zoom beruflich), in denen die Teams unter sich beraten konnten. Das hatte sogar einen Vorteil gegenüber dem Tisch: Das andere Team konnte die Diskussion nicht mithören. Normalerweise versucht man leise zu flüstern und scheitert regelmäßig daran, wenn Dennis aufgeregt wird.

Die Online-Version unterstützt über 40 Sprachen. Wir haben auch mal eine Runde auf Englisch gespielt, weil Jannas Freundin Sarah aus London zugeschaltet war. Einfach Sprache umgestellt, weiter ging's. Das wäre mit physischen Karten nicht so einfach möglich gewesen.

Codenames Online-Klassiker 4–8+ Spieler · 15–30 Min.
  • Kostenlose Online-Version in 44 Sprachen
  • Team-Diskussionen funktionieren super per Call
  • Kein Account nötig, Link reicht
  • Mindestens 4 Leute nötig
  • Geheime Team-Absprachen brauchen Breakout-Rooms

Gartic Phone: Die Entdeckung des Abends

Die eigentliche Überraschung kam durch Dennis. Er hatte auf Reddit etwas von Gartic Phone gelesen und es "einfach mal" in den Chat geworfen. Gartic Phone ist im Prinzip Stille Post, nur mit Zeichnungen, und komplett kostenlos im Browser. Wer Stille Post Extrem kennt (bei uns ein fester Favorit am Tisch), kennt das Grundprinzip: Man schreibt einen Satz, der nächste zeichnet ihn, der übernächste beschreibt die Zeichnung, und so weiter. Am Ende vergleicht man das Original mit dem, was daraus geworden ist.

Der Unterschied zu anderen Online-Spielen: Gartic Phone braucht keinen Videocall, um Spaß zu machen. Aber mit Videocall wird es absurd. Man hört die Leute lachen, während sie versuchen, etwas zu zeichnen, und weiß genau: Da geht gerade etwas furchtbar schief. Marcos Zeichnung von "Nils auf Krücken am Strand" sah aus wie ein Strichmännchen, das von einer Palme angegriffen wird. Jannas Interpretation davon war "Mann kämpft gegen Riesenschlange". Am Ende war aus Nils' Strandurlaub eine apokalyptische Dschungelszene geworden.

Das Spiel ist auf Deutsch verfügbar, läuft auf jedem Gerät mit Browser, und hat verschiedene Spielmodi. Wir haben meistens den Klassiker gespielt (abwechselnd schreiben und zeichnen), aber es gibt auch einen Modus, bei dem nur gezeichnet wird und alle gleichzeitig raten müssen. Für zwei bis dreißig Spieler, und absolut kostenlos. Dennis hat seitdem den Link permanent in unserer Spieleabend-Gruppe gepinnt.

Woran es scheitert

Nicht alles funktioniert. Und das sollte man ehrlich sagen, bevor jemand versucht, Carcassonne über Zoom zu spielen.

Alles mit physischen Komponenten. Wir haben (kurz) überlegt, ob eine Person das Brett aufbaut und die Kamera darauf richtet. Dennis hat es testweise mit 6 nimmt! probiert. Karten über Webcam vorlesen, während eine Person die Reihen auf dem Tisch verwaltet. Technisch hat es funktioniert. Spaß hat es null gemacht. Die Verzögerung zwischen "ich lege die 55" und "ah, die Reihe ist voll" hat den ganzen Rhythmus zerstört.

Spiele die von Tisch-Energie leben. Skull zum Beispiel. Am Tisch grandios, weil man den Bluff im Raum spürt. Die zögernden Blicke, das demonstrative Auflegen der Karte. Über Kamera geht davon zu viel verloren. Nicht unmöglich, aber es fühlt sich an wie ein Film in Standardauflösung, wenn man IMAX gewohnt ist.

Mehr als fünf Leute. Am Tisch funktionieren unsere Abende auch mit sechs oder sieben Personen. Remote wird es ab fünf chaotisch. Zu viele Stimmen, die gleichzeitig reden, zu viele Kacheln, zu viel Latenz. Unser Sweet Spot: vier bis fünf. Genug für gute Spiele, wenig genug für echte Gespräche dazwischen. (Wer trotzdem mit einer großen Gruppe remote spielen will: Spiele wie Let's Fib funktionieren auch mit 20 Leuten, weil jeder auf dem eigenen Gerät spielt und nicht alle gleichzeitig reden müssen.)

Spontane Momente. Das fehlt am meisten. Am Tisch passiert ständig etwas nebenbei. Marco macht einen Seitenhieb zu Dennis, der neben ihm sitzt. Janna sortiert heimlich schon mal ihre Karten. Jemand greift zum Snack und stößt eine Spielfigur um. Über Videocall ist man immer "on stage". Jede Aussage geht an alle, kein Flüstern, kein Nebengespräch. Das macht die Abende fokussierter, aber auch anstrengender.

Unsere Remote-Regeln

Nach drei Abenden haben wir ein paar Dinge gelernt, die den Unterschied machen:

Audio ist wichtiger als Video. Ernsthaft. Beim ersten Mal hatte Marco sein Laptop-Mikrofon an und jedes Mal wenn er getippt hat, klang es wie ein kleiner Presslufthammer. Headset oder Kopfhörer sind der Unterschied zwischen "netter Versuch" und "funktioniert tatsächlich". Nils hat beim zweiten Mal AirPods benutzt und plötzlich konnte man ihn verstehen, ohne dass jemand "WAS?" rufen musste.

Zweites Gerät einplanen. Für Let's Fib oder Gartic Phone braucht man ein Gerät für den Videocall und eins zum Spielen. Laptop für Zoom, Handy fürs Spiel. Klingt offensichtlich, war es am ersten Abend aber nicht. Janna hat versucht, beides auf dem Handy zu machen, und hat jedes Mal den Videocall minimiert, wenn sie eine Antwort tippen wollte. Ab Abend zwei hatte jeder zwei Geräte parat.

Pausen sind wichtiger als am Tisch. Am Tisch stehen Leute auf, holen sich was zu trinken, reden kurz über was anderes. Über Zoom starrt man eine Stunde auf den Bildschirm und wundert sich, warum alle plötzlich müde sind. Wir machen jetzt nach jeder Spielrunde kurz Pause. Jeder holt sich was, alle muten sich, fünf Minuten Ruhe. Klingt banal, hilft enorm.

Nicht jeden Spieleabend ersetzen. Das ist die wichtigste Erkenntnis. Remote-Spieleabende sind gut. Manchmal richtig gut. Aber sie ersetzen das Original nicht. Sie sind die Lösung für "Nils hat einen gebrochenen Knöchel" oder "Marco ist beruflich in München" oder "Es schüttet und niemand will raus". Kein Ersatz für den Tisch, die Snacks, das gemeinsam im selben Raum Sein. Wer einen Spieleabend vor Ort planen kann, sollte das immer vorziehen.

Nils' Schiene kommt in zwei Wochen ab. Er hat schon angekündigt, dass er dann "richtig" spielen will. Aber er hat auch gesagt, dass er den ein oder anderen Remote-Abend beibehalten würde. "Für die Wochen, in denen man sich sonst einfach gar nicht sehen würde." Und da kann ich wenig widersprechen.

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