Warum gefühlt jedes Spiel "Spiel des Jahres" ist
In jedem Spieleladen prangt das rote Logo auf gefühlt jeder zweiten Schachtel. Was das Spiel des Jahres wirklich bedeutet, warum so viele Spiele damit werben dürfen, und ob sich danach kaufen lohnt.
Das Regal der Gewinner
Letzte Woche war ich mit Markus im Spieleladen um die Ecke. Wir wollten was Neues für unseren nächsten Abend kaufen. Nichts Konkretes, einfach mal schauen.
Und dann standen wir vor dem Regal und Markus sagte den Satz, der diesen Artikel ausgelöst hat: "Ist eigentlich jedes Spiel hier Spiel des Jahres?"
Ich wollte widersprechen. Dann habe ich hingeschaut. Catan: Spiel des Jahres. Carcassonne: Spiel des Jahres. Cascadia: Spiel des Jahres. Azul: Spiel des Jahres. Just One: Spiel des Jahres. Dorfromantik: Spiel des Jahres. Und dann noch Schachteln mit "Nominiert zum Spiel des Jahres" und "Empfehlungsliste Spiel des Jahres". Rotes Logo, graues Logo, blaues Logo. Überall Logos.
Markus hatte nicht unrecht. Es fühlt sich wirklich so an, als wäre jedes zweite Spiel irgendwie ausgezeichnet. Und ich habe mich gefragt: Was bedeutet das eigentlich? Ist das ein echtes Gütesiegel oder eher so wie "Testsieger" auf Zahnpasta?
Was das Spiel des Jahres eigentlich ist
Also habe ich recherchiert. (Ja, ich recherchiere manchmal. Kommt selten vor, aber wenn, dann richtig.)
Das Spiel des Jahres gibt es seit 1979. Eine unabhängige Jury aus Spielekritikern (Journalisten, keine Hersteller) sichtet jedes Jahr die Neuerscheinungen und kürt einen Gewinner. Seit 2001 gibt es zusätzlich das Kinderspiel des Jahres, seit 2011 das Kennerspiel des Jahres (für die etwas anspruchsvolleren Sachen). Drei Kategorien also.
Die Jury besteht aktuell aus zehn bis fünfzehn Personen. Die treffen sich, spielen das ganze Jahr über alles was auf den Markt kommt, diskutieren, streiten vermutlich, und nominieren dann im Frühsommer jeweils drei Spiele pro Kategorie. Aus den Nominierten wird im Juli der Gewinner gewählt.
Was mich überrascht hat: Die Jury bewertet pro Jahr zwischen 300 und 400 Neuerscheinungen. Dreihundert. Und davon werden am Ende drei nominiert und eins gewinnt. Das sind schon ziemlich harte Quoten.
Aber jetzt kommt der Punkt, der erklärt warum in Markus' Regal alles rot leuchtet.
Warum das Logo überall klebt
Neben den drei Nominierten pro Kategorie gibt es die sogenannte Empfehlungsliste. Das sind Spiele, die es nicht in die Top 3 geschafft haben, aber trotzdem gut genug sind, dass die Jury sie explizit empfiehlt. Pro Kategorie landen da nochmal vier bis sechs Spiele drauf.
Rechnen wir mal zusammen. Drei Kategorien, jeweils drei Nominierte plus fünf Empfohlene. Das sind ungefähr 24 Spiele pro Jahr, die irgendeinen Sticker vom Spiel des Jahres tragen dürfen. Und das Logo sieht bei allen ähnlich aus. Der Gewinner hat das rote Logo. Die Nominierten haben auch ein Logo (anthrazitgrau). Die Empfohlenen haben auch eins. Für die meisten Leute im Laden sieht das alles gleich aus.
Und dann kumuliert sich das über die Jahre. Das Spiel des Jahres gibt es seit 47 Jahren. Das sind 47 Gewinner allein in der Hauptkategorie. Plus Nominierte. Plus Empfohlene. Plus Kinderspiel und Kennerspiel seit 2001 beziehungsweise 2011. Da kommen über die Jahrzehnte Hunderte von Spielen zusammen, die ein Logo tragen dürfen.
Catan hat 1995 gewonnen. Carcassonne 2001. Dixit 2010. Azul 2018. Just One 2019. Pictures 2020. MicroMacro 2021. Cascadia 2022. Dorfromantik 2023. Sky Team 2024. Die ganzen Spiele, die in jedem Regal stehen? Fast alle Spiel des Jahres. Kein Wunder also, dass es sich anfühlt wie "alle haben gewonnen".
Die geschäftliche Seite
Was ich besonders interessant fand: Das Logo ist nicht nur Ehre. Es ist knallhartes Business.
Ein Spiel, das den Hauptpreis gewinnt, verkauft sich im Schnitt zehnmal besser als vorher. Zehnmal. Das ist kein kleiner Effekt. Für kleine Verlage kann das den Unterschied zwischen "wir machen weiter" und "wir machen zu" bedeuten. Und selbst eine Nominierung oder ein Platz auf der Empfehlungsliste bringt spürbar mehr Verkäufe.
Deswegen werben Verlage auch so offensiv damit. Jede Schachtel, die irgendwann mal in irgendeiner Kategorie irgendwie mit dem Preis in Berührung kam, bekommt das Logo drauf. Und zwar groß. Das ist verständlich. Ich würde das auch machen.
Was das Ganze vom Zahnpasta-Testsieger unterscheidet: Die Jury ist wirklich unabhängig. Keine Werbung, kein Sponsoring durch Verlage. Die Kritiker kaufen die Spiele zum Teil selbst. Das ist in der Preislandschaft ziemlich selten und ein Grund, warum der Preis seit Jahrzehnten Gewicht hat.
Übrigens: Das Spiel des Jahres ist kein rein deutsches Phänomen. In Frankreich gibt es den As d'Or (Jeu de l'Année), in Österreich das Spiel der Spiele, in Dänemark den Guldbrikken, und in den Niederlanden den Nederlandse Spellenprijs. Dazu kommen der Deutsche Spiele Preis (von Spielern gewählt, nicht von einer Jury) und der Graf Ludo für die beste Grafik. International ist vor allem der International Gamers Award bekannt. Aber keiner dieser Preise hat auch nur annähernd die Wirkung des roten Logos. In Deutschland (und ehrlich gesagt auch darüber hinaus) ist "Spiel des Jahres" praktisch ein Synonym für "gutes Brettspiel".
Welche SdJ-Gewinner sich lohnen
Jetzt die eigentlich wichtige Frage: Kann man blind nach dem Logo kaufen?
Kurze Antwort: Meistens ja. Aber nicht immer. Das Spiel des Jahres richtet sich an Familien und Gelegenheitsspieler. Das heißt: Die Gewinner sind fast immer zugänglich, relativ schnell erklärt, und dauern nicht länger als eine Stunde. Kein Spiel für Hardcore-Strategen (dafür gibt es das Kennerspiel des Jahres).
Was mich beeindruckt: Die letzten Jahre waren richtig stark. Sky Team (2024) ist ein reines Zweispielerspiel, bei dem man zusammen ein Flugzeug landen muss, ohne miteinander reden zu dürfen. Dorfromantik (2023) hat man als Videospiel vielleicht schon gesehen, die Brettspielversion ist genauso meditativ. Und MicroMacro (2021) ist im Grunde ein riesiges Wimmelbild, auf dem man Kriminalfälle löst. Die Jury traut sich was, und das merkt man.
Aus unserer Runde haben sich drei SdJ-Gewinner als absolute Dauerbrenner etabliert:
Cascadia
Cascadia hat 2022 gewonnen und ist seitdem unser meistgespieltes Spiel. Man legt Landschaftsplättchen und siedelt Tiere darauf an. Bären, Lachse, Habichte, Hirsche, Füchse. Jede Tierart will anders angeordnet werden. Klingt nach Naturkunde-Unterricht, spielt sich aber wie ein entspanntes Puzzle, bei dem man ständig kleine Entscheidungen trifft.
Was Cascadia von anderen SdJ-Gewinnern unterscheidet: Es funktioniert wirklich in jeder Besetzung gleich gut. Solo am Sonntagmorgen (ja, ich bin der Typ der alleine Brettspiele spielt, urteilt nicht), zu zweit mit Sarah, oder zu viert am Spieleabend. Markus findet es "zu friedlich" (natürlich tut er das), aber genau das ist der Punkt. Nicht jedes Spiel braucht Konfrontation. Manchmal will man einfach Lachse in einen Fluss legen und dabei sein Bier trinken.
- Puzzelig, entspannt und trotzdem spannend
- Funktioniert solo, zu zweit und zu viert gleich gut
- Natur-Thema das tatsächlich zum Spiel passt
- Maximal 4 Spieler
- Wer Konfrontation mag, findet es zu friedlich
Just One
Just One hat 2019 gewonnen und ist seitdem unser Standard-Einstiegsspiel. Einer hat ein Wort, alle anderen schreiben einen Hinweis auf. Gleiche Hinweise werden gestrichen. Fertig.
Klingt simpel? Ist es. Und genau das ist der Punkt. Sarah hat es an Weihnachten mit ihrer Familie gespielt. Inklusive Oma. Oma hat die dritte Runde gewonnen. Jens hat behauptet, Omas Hinweise waren "unfair gut". (Sie waren einfach gut. Jens ist ein schlechter Verlierer, auch bei kooperativen Spielen.)
Was Just One besonders macht: Es ist kooperativ. Man spielt zusammen, nicht gegeneinander. Kein Frust, kein "du hast gewonnen weil du Glück hattest". Alle freuen sich wenn es klappt, alle lachen wenn es schiefgeht. Perfekt für gemischte Runden wo nicht alle auf dem gleichen Spielniveau sind.
- Null Vorbereitungszeit, sofort spielbar
- Kooperativ, kein Streit
- Funktioniert mit Leuten die "keine Spieler" sind
- Maximal 7 Spieler
- Kann bei gleicher Gruppe irgendwann repetitiv werden
Azul
Azul hat 2018 gewonnen und ich habe es damals ignoriert. "Fliesen legen? Ernsthaft?" Tja. Sarah hat es dann irgendwann mitgebracht und jetzt ist es eins unserer meistgespielten Spiele.
Man nimmt bunte Steine aus gemeinsamen Schalen und legt sie auf ein Muster. Klingt harmlos, oder? Bis man merkt, dass man gleichzeitig plant was man nimmt UND was man dem Gegner übrig lässt. Markus hat das beim dritten Spiel verstanden und seitdem ist er unerträglich. "Ich hab dir die gelben weggenommen." Ja, Markus. Danke. Wir haben es alle gesehen.
Was mich an Azul überrascht hat: Es sieht fantastisch aus. Die Steine fühlen sich gut an, das Board ist schön, und wenn man fertig ist, sieht das eigene Muster tatsächlich aus wie was. In einer Welt voller hässlicher Kartonschachteln ist das ein echtes Argument.
- Taktisch, aber schnell gelernt
- Spielsteine fühlen sich fantastisch an
- Jede Partie in unter einer Stunde
- Maximal 4 Spieler
- Kann bei Grüblern lang werden
Kaufen nach Logo?
Zurück zu Markus' Frage im Laden. Ist jedes Spiel Spiel des Jahres? Nein. Aber erstaunlich viele. Und das liegt nicht daran, dass der Preis inflationär vergeben wird, sondern daran, dass er seit fast 50 Jahren existiert und neben dem Gewinner auch Nominierte und Empfohlene auszeichnet.
Ist das Logo ein Kaufgrund? Für mich: ja. Nicht blind, aber als erste Orientierung. In 47 Jahren Spiel des Jahres sind mir vielleicht zwei Gewinner untergekommen, die mir gar nicht gefallen haben. Die Quote ist besser als bei jeder anderen Kaufentscheidung die ich so treffe. (Mein letztes Paar Schuhe? Hatte keine Auszeichnung. Sieht man.)
Was ich seit dem Tag im Laden mache: Ich schaue mir beim Kaufen an, ob das Spiel Gewinner, Nominiert oder Empfohlen ist. Gewinner und Nominierte sind fast immer sicher. Bei der Empfehlungsliste lohnt sich ein zweiter Blick, weil die Spiele spezieller sein können.
Wer am Spieleabend mal was völlig anderes ausprobieren will: Bei Let's Fib schreibt man kreative Fake-Antworten auf echte Fragen und versucht, die anderen damit reinzulegen. Braucht kein Spiel des Jahres Logo, funktioniert mit 1–20+ Leuten direkt im Browser.
- Null Vorbereitung, läuft im Browser
- Kreatives Bluffen statt Regellernen
- Funktioniert mit jeder Gruppengröße
- Jeder braucht ein Handy mit Internet
Und falls ihr Markus fragt: Wir haben an dem Tag Cascadia gekauft. Ohne das Logo hätten wir es wahrscheinlich nicht angefasst. Und es ist jetzt eins unserer Lieblingsspiele. Punkt.
Noch mehr Ideen für Spiele ohne Vorbereitung und Tipps zum Spieleabend planen gibt es in unseren anderen Artikeln.