Der erste Spieleabend nach dem Umzug: Neue Gruppe, neue Dynamik

Neue Stadt, neue Leute, null Ahnung ob die überhaupt Brettspiele mögen. Spoiler: Am Ende wollte keiner gehen.

Ayla Ayla · · 6 Min. Lesezeit
Illustration: Umzugskartons neben einem Tisch mit Brettspielen und Snacks in einer neuen Wohnung

Die Einladung

Drei Wochen nach dem Umzug. Die meisten Kartons waren ausgepackt (zumindest in die richtige Ecke geschoben), die Küche funktionierte halbwegs und ich kannte genau vier Leute in der neuen Stadt: meine Vermieterin, die Frau vom Bäcker an der Ecke, einen Kollegen aus dem neuen Job und dessen Freundin. Mehr nicht.

Also habe ich gemacht, was ich immer mache wenn mir die Decke auf den Kopf fällt: einen Spieleabend organisiert.

Die Nachricht an meinen Kollegen Nils war ungefähr so: "Hey, ich hab eine Wohnung, ein paar Spiele und zu viel Wein im Regal. Willst du Freitagabend vorbeikommen? Bring gerne Leute mit." Klingt entspannt. War es nicht. Ich habe die Nachricht dreimal umformuliert. Man will ja nicht als die komische Neue rüberkommen, die Erwachsene zum Spieleabend einlädt.

Nils hat sofort zugesagt und drei weitere Leute mitgebracht: seine Freundin Janna, seinen Mitbewohner Marco und dessen Kumpel Dennis. Fünf Leute insgesamt, keiner kannte jeden, alle kannten mindestens eine Person. Perfekte Ausgangslage für eine interessante Gruppendynamik. Oder für maximale Stille. Man weiß es vorher nie.

Illustration: Halb ausgepackte Wohnung mit Brettspielen auf dem Tisch, Umzugskartons im Hintergrund

Was spielt man mit Fremden?

Das ist die eigentliche Frage. Mit meiner alten Gruppe wusste ich genau was funktioniert. Lisa mag kein Bluffen, Stefan verliert ungern, Sarah braucht komplexe Regeln sonst langweilt sie sich. Aber bei einer komplett neuen Runde? Keine Ahnung.

Ich wusste nicht, ob die überhaupt Brettspiele mögen. Ob sie eher kompetitiv oder kooperativ veranlagt sind. Ob jemand schnell frustriert ist oder ein heimlicher Strategie-Nerd, der beim Wort "Spieleabend" an Mensch ärgere Dich nicht denkt.

Drei Grundregeln habe ich mir vorher zurechtgelegt:

  1. Nichts Kompliziertes. Wenn die Regelerklärung länger als drei Minuten dauert, verliert man Leute, die sich noch nicht sicher sind, ob sie überhaupt bleiben wollen.
  2. Spiele, die Gespräche erzeugen. Smalltalk mit Fremden ist anstrengend. Spiele, die automatisch Gesprächsstoff liefern, nehmen den Druck raus.
  3. Kein hartes Gegeneinander. Nichts killt die Stimmung schneller, als wenn der neue Kollege einen in der dritten Runde strategisch zerlegt und man den Montag drauf zusammen im Büro sitzt.

Was funktioniert hat

Dixit als Opener

Ich hatte lange überlegt, womit wir anfangen. Dixit war ein Bauchgefühl. Und es war genau richtig.

Für alle, die es nicht kennen: Man hat Karten mit surrealen Illustrationen auf der Hand. Die aktive Person sagt einen Satz oder ein Wort zu einer Karte, alle anderen legen verdeckt eine passende Karte dazu. Dann wird aufgedeckt und alle raten, welche die Originalkarte war.

Das Besondere mit neuen Leuten: Man erfährt sofort, wie jemand denkt. Janna hat zu einer Karte mit einem Wald voller Augen "Montagmorgen in der Bahn" gesagt. Dennis hat zu schwebenden Fischen "Wenn meine Oma kocht" gesagt. Ab da war das Eis gebrochen. Man lacht über die Assoziationen, fragt nach, erzählt Geschichten. Das Spiel wird fast zur Nebensache.

Marco, der vorher eher still war, ist bei Dixit richtig aufgetaut. Seine Beschreibungen waren so unerwartet ("Das Geräusch wenn man auf Lego tritt" zu einer Karte mit einem Vulkan), dass irgendwann alle auf seine Runde gewartet haben.

Dixit Perfekter Eisbrecher 3–8 Spieler · 30–45 Min.
  • Man lernt sofort wie andere denken
  • Kein Vorwissen nötig
  • Wunderschöne Illustrationen
  • Funktioniert nur mit 4+ Leuten
  • Stille Typen haben es schwerer

Let's Fib zwischendurch

Illustration: Smartphones auf einem Tisch mit dem Partyspiel Let's Fib, Spieler lachen über kreative Antworten

Irgendwann hat Dennis gefragt, ob wir auch was am Handy spielen können. Ich hatte Let's Fib schon bei meiner alten Gruppe ausprobiert und wusste, dass es mit neuen Leuten besonders gut funktioniert: Man bekommt Fragen, erfindet falsche Antworten und versucht, die anderen damit reinzulegen. Alles im Browser, kein Download, in 30 Sekunden sind alle drin.

Was es so gut macht für einen Kennenlern-Abend: Man merkt sofort, wer welchen Humor hat. Janna hat durchgehend die subtilsten Antworten geschrieben, die fast richtig klangen. Nils dagegen hat so offensichtlichen Unsinn getippt, dass alle gelacht haben, bevor überhaupt abgestimmt wurde. Und genau das will man an so einem Abend. Wer generell Spiele ohne Vorbereitung für spontane Runden sucht, wird hier fündig.

Let's Fib Sofort-Lacher 1–20+ Spieler · Dauer beliebig
  • Null Vorbereitung, läuft im Browser
  • Alle spielen gleichzeitig
  • Perfekt zum Kennenlernen
  • Jeder braucht ein Handy

Skull als Aufwärmer

Nach Dixit habe ich Skull ausgepackt. Das simpelste Bluffspiel das es gibt: Jeder hat vier Scheiben, drei mit Blumen und eine mit Totenkopf. Man legt verdeckt eine Scheibe und bietet dann reihum, wie viele Scheiben man aufdecken kann, ohne einen Totenkopf zu erwischen.

Regelerklärung: 90 Sekunden. Wirklich.

Skull funktioniert mit neuen Leuten aus einem einfachen Grund: Bluffen ist persönlich. Man schaut jemandem in die Augen und versucht herauszufinden, ob die Person lügt. Und es fühlt sich nicht gemein an. Wenn jemand auffliegt, lachen alle. Wenn ein guter Bluff durchgeht, gibt es anerkennende Kommentare.

Nils hat sich als Meister-Bluffer entpuppt. Drei Runden hintereinander hat er den Totenkopf gelegt, unschuldig gelächelt und alle erwischt. Dennis hat ihn beim dritten Mal angeschaut und gesagt: "Ich glaube dir kein Wort. Aber ich drehe trotzdem um." Natürlich war es der Totenkopf. Die Reaktion am Tisch war unbezahlbar.

Das sind die Momente, die einen Spieleabend tragen. Und die hatte ich hier mit Leuten, die ich drei Stunden vorher zum ersten Mal gesehen hatte.

Skull Einfach und genial 3–6 Spieler · 15–30 Min.
  • Regeln in 2 Minuten erklärt
  • Bluffen bringt Leute zum Lachen
  • Kompakt, passt überall hin
  • Maximal 6 Spieler
Illustration: Hände die Bierdeckel aufdecken bei einem Bluffspiel, lachende Gesichter im Hintergrund

Wavelength für die Diskussionen

Wavelength habe ich als drittes Spiel gebracht, und es war der Moment, an dem aus einem Spieleabend ein echter Abend unter Freunden wurde.

Das Prinzip: Es gibt eine Skala zwischen zwei Gegensätzen (zum Beispiel "Unterschätzt" und "Überschätzt"). Eine Person sieht, wo auf der Skala der Zeiger steht, und gibt einen Hinweis. Alle anderen diskutieren, wo der Zeiger sein könnte.

Die Skala war "Überbewertet" bis "Unterbewertet". Marcos Hinweis: "Frühstücken gehen." Was folgte, war eine zehnminütige Debatte. Janna fand es völlig überbewertet ("12 Euro für Rührei und Toast, die ich zu Hause für 2 Euro machen kann"). Dennis fand es unterbewertet ("Es geht ums Erlebnis, nicht ums Essen"). Nils stand irgendwo in der Mitte. Und Marco hat nur gegrinst, weil er genau wusste, dass er eine kontroverse Frage gestellt hatte.

Das Spiel hat Dinge über die Leute verraten, die man beim normalen Kennenlernen nie erfahren hätte. Ob jemand Hunde oder Katzen besser findet, wie man zu Überstunden steht, ob Ananas auf Pizza geht. Wavelength ist weniger ein Spiel als ein getarntes Kennenlern-Format.

Wavelength Gesprächsstarter 2–12 Spieler · 30–45 Min.
  • Erzeugt sofort Diskussionen
  • Jeder hat eine Meinung
  • Funktioniert auch mit vielen
  • Braucht Leute die gerne reden

The Mind zum Abschluss

Das war ein Experiment. The Mind ist kooperativ, wortlos und eigentlich das Gegenteil von allem, was an dem Abend vorher funktioniert hatte. Man legt gemeinsam Zahlenkarten in aufsteigender Reihenfolge ab. Ohne zu reden. Ohne Zeichen zu geben. Rein nach Gefühl.

Ich war nicht sicher, ob das mit Leuten funktioniert, die sich erst seit ein paar Stunden kennen. Man braucht dafür ein Gespür füreinander, ein Gefühl dafür, wann jemand gleich eine Karte legt.

Es hat funktioniert. Nicht sofort. Die ersten zwei Runden waren holprig, viel nervöses Lachen. Aber ab Runde drei ist etwas Interessantes passiert: Wir haben angefangen, uns gegenseitig zu lesen. Janna hat immer leicht die Augenbrauen hochgezogen, bevor sie gelegt hat. Dennis hat schneller geatmet bei niedrigen Zahlen. Und als wir in Level 6 zum ersten Mal alle Karten in der richtigen Reihenfolge geschafft haben, wurde gejubelt, als hätten wir ein Finale gewonnen. Fünf quasi Fremde, die zusammen jubeln. Ein wirklich schöner Moment.

The Mind Überraschend intensiv 2–4 Spieler · 15–20 Min.
  • Kooperativ, kein Gegeneinander
  • Baut echte Gruppenverbindung auf
  • Minimale Regeln
  • Maximal 4 Spieler
  • Manche finden es langweilig

Was nicht gezündet hat

Azul: Schönes Spiel, falscher Moment

Ich hatte Azul auch auf dem Tisch liegen. Wunderschöne Fliesen, tolles Spielgefühl, eines meiner Lieblingsspiele. Aber für diesen Abend war es die falsche Wahl.

Wir haben eine Runde angefangen und nach zehn Minuten gemerkt: Alle sind still. Jeder starrt auf sein eigenes Board. Ab und zu greift jemand in die Mitte und nimmt Steine. Kein Gespräch, kein Lachen, kein Austausch. Das Spiel zieht einen zu sehr in den eigenen Kopf.

Marco hat nach 15 Minuten gesagt: "Das ist eigentlich richtig gut, aber ich vermisse die Diskussionen von vorhin." Er hatte recht. Wir haben die Runde zu Ende gespielt (Dennis hat gewonnen und war sichtlich stolz), dann zu Wavelength gewechselt. Sofort war die Energie wieder da.

Azul ist ein großartiges Spiel. Aber nicht, wenn man sich gerade kennenlernt. Es braucht Interaktion, und Azul bietet fast keine.

Azul Schön, aber falsche Situation 2–4 Spieler · 30–45 Min.
  • Haptik der Steine ist toll
  • Taktisch ohne kompliziert zu sein
  • Zu leise für einen Kennenlern-Abend
  • Maximal 4 Spieler

Was ich gelernt habe

Dieser Abend hat mir ein paar Dinge gezeigt, die ich vorher nicht bedacht hatte:

Spiele sind besserer Smalltalk. Die üblichen Fragen ("Was machst du so?", "Wie findest du die Stadt?") erzeugen oberflächliche Antworten. Aber wenn jemand bei Dixit zu einem brennenden Baum "Mein Ex" sagt, hat man plötzlich ein echtes Gespräch.

Einfache Regeln sind nicht verhandelbar. Wenn jemand zum ersten Mal bei dir ist und nicht weiß, ob Spieleabende sein Ding sind, hast du ungefähr drei Minuten Regelerklärung, bevor die Aufmerksamkeit weg ist. Skull hat 90 Sekunden gebraucht. Dixit vielleicht zwei Minuten. Das ist der richtige Rahmen.

Kooperativ vor kompetitiv. Zumindest am Anfang. The Mind und Dixit haben den Abend getragen, weil niemand wirklich verlieren konnte. Skull war die Ausnahme, aber Bluffen fühlt sich anders an als jemanden strategisch auseinanderzunehmen.

Die Reihenfolge ist wichtig. Leichtes Kreativspiel zum Einstieg (Dixit), dann was Schnelles zum Auflockern (Let's Fib, Skull), dann etwas mit Tiefgang (Wavelength), zum Schluss etwas Ruhiges zum Runterkommen (The Mind). Hätte ich mit The Mind angefangen, wäre der Abend vermutlich nach einer Stunde vorbei gewesen.

Der Abend ging bis halb zwei. Als Nils und die anderen gegangen sind, hat Janna in der Tür gesagt: "Nächste Woche wieder?" Nächste Woche wieder. Drei Wochen in der neuen Stadt und ich hatte einen festen Spieleabend. Manchmal braucht es wirklich nicht mehr. Wer noch mehr Tipps zur Planung sucht, findet in unserem Guide zum Spieleabend organisieren alles auf einen Blick.

Falls ihr auch gerade umgezogen seid oder neue Leute kennenlernt: Ladet sie ein. Besorgt Dixit und Skull. Habt Snacks da (etwas Trockenes, wir haben da Erfahrung). Und macht euch keinen Stress. Die Spiele übernehmen den schwierigen Teil.

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