Silvester mit Kindern: Spielen bis Mitternacht
Unsere Kinder wollten dieses Jahr unbedingt bis Mitternacht aufbleiben. Mein Plan: Spiele bis zum Countdown. Was ich nicht eingeplant hatte: dass ich selbst um halb elf fast eingeschlafen wäre.
Der Plan
Es fing an mit einem Satz, irgendwann Mitte Dezember. Leni, sechs, ganz beiläufig beim Abendessen: "Mama, dieses Jahr bleibe ich an Silvester wach. Bis ganz zum Ende." Theo, vier, sofort: "Ich auch!" Mein Mann Jonas und ich haben uns angeschaut. Dieses Eltern-Blick-Ding, das in einer Sekunde ein komplettes Gespräch ist. Seiner sagte: Viel Glück damit. Meiner: Challenge accepted.
Das Problem mit Silvester und kleinen Kindern ist nicht der Anfang. Um sieben sind alle aufgedreht, Luftschlangen im Haar, Kindersekt auf dem Tisch. Das Problem ist halb zehn. Wenn die Müdigkeit kommt, schleichend wie eine Katze die sich auf dein Kissen legt. Noch zweieinhalb Stunden bis Mitternacht, zwei Kinder mit glasigen Augen.
Mein Plan: Spiele. Den ganzen Abend. Nicht einfach Fernsehen laufen lassen (obwohl, keine Verurteilung, wir hatten solche Jahre). Sondern richtig spielen. Hände beschäftigt, Köpfe wach.
Drei Spiele hatte ich rausgelegt. Eins zum Ankommen, eins als Herzstück, eins als Geheimwaffe für die letzte Stunde. Ob der Plan aufging? Anders als gedacht. Aber irgendwie schon.
Dobble zum Aufwärmen
Halb acht. Alle am Tisch. Dobble lag bereit, und Leni hatte die Dose natürlich schon dreimal aufgemacht bevor wir angefangen haben. Zwei Karten liegen offen, auf jeder acht Symbole, genau eins stimmt überein. Wer es zuerst findet, ruft es raus. Klingt simpel. Ist es auch. Und trotzdem.
Theo brauchte eine Runde zum Verstehen. In der zweiten hat er mich geschlagen. Deutlich. Er sah die Schildkröte auf beiden Karten bevor ich registriert hatte, dass es eine Schildkröte gibt. Leni war noch schneller. Jonas und ich? Zwei Erwachsene mit angeblich ausgereiften Gehirnen, zerlegt von einem Vier- und einer Sechsjährigen.
"Mama, du bist so langsam!" Danke, Leni.
Das Schöne an Dobble als Einstieg: Es macht sofort laut. Kein Regelerklären, einfach los. Und Kinder haben bei Reaktionsspielen einen echten Vorteil (ihre Augen scannen das Chaos anders als unsere). Sie gewinnen. Und ein Kind das gewinnt ist ein Kind das weiterspielen will. (Lustige Randnotiz: Bei unserem Kurzspiele-Experiment hat Jens Dobble per Veto abgeschossen, weil es ihm zu hektisch war. Kinder sehen das offensichtlich anders.)
Vier Runden. Jonas hat eine davon gewonnen, und ich bin ziemlich sicher, dass Theo kurz abgelenkt war weil er sein Glas umgestoßen hat. Danach: Energie im Raum. Genau richtig.
- Kinder verstehen es sofort
- Runden dauern nur Minuten
- Wird laut, macht wach
- Erwachsene verlieren ernsthaft gegen Sechsjährige
Zombie Kidz: Das Highlight
Neun Uhr. Die kritische Phase. Theo gähnte schon, versuchte es zu verstecken (er drückt dabei die Lippen zusammen und macht die Augen ganz groß, als könnte er das Gähnen durch Willenskraft zurückschieben). Zeit für Zombie Kidz Evolution.
Zombie Kidz ist kooperativ: alle zusammen gegen Zombies, die eine Schule übernehmen wollen. Würfeln, Zombies vertreiben, vier Eingänge verriegeln. Überschaubare Regeln, aber das Besondere ist das Legacy-Element: Nach bestimmten Erfolgen öffnet man Briefumschläge mit neuen Regeln und Fähigkeiten. Das Spiel wächst mit.
Wir hatten es schon ein paarmal gespielt, aber Umschlag Nummer 4 war noch zu. Absichtlich für heute aufgehoben. (Ja, ich plane solche Sachen. Nein, ich schäme mich nicht dafür.)
Die erste Partie lief angespannt. Theo zog die falschen Würfelseiten, und Leni dirigierte uns mit einer Ernsthaftigkeit die normalerweise Chirurgen vorbehalten ist. "Papa, du MUSST jetzt zum Nordeingang. MUSST." Jonas gehorchte. Man diskutiert nicht mit einer Sechsjährigen die die Apokalypse managt.
Wir haben es geschafft. Knapp. Theo hat den letzten Eingang verriegelt und ist aufgesprungen als hätte er die Welt gerettet. Was in der Spielwelt auch der Fall war. Und dann: Umschlag 4.
Ich spoilere nicht was drin war, aber Lenis Augen wurden so groß wie die Dobble-Karten. "Das ändert ALLES!" Hat es nicht wirklich, aber in dem Moment fühlte es sich so an. Theo wollte sofort nochmal spielen. Müdigkeit? Welche Müdigkeit?
Zweite Partie mit den neuen Regeln. Intensiver. Lauter. Leni entwickelte eine Strategie die sie mir mit Nachdruck erklärte, während ich nur die Hälfte verstand. Jonas und ich die Ausführenden, die Kinder die Generäle.
- Kooperativ, alle gegen die Zombies
- Legacy-Umschläge sorgen für Spannung
- Kinder fühlen sich als Helden
- Maximal 4 Spieler
- Kann bei jüngeren Kindern etwas gruselig wirken
Rhino Hero vor Mitternacht
Viertel nach elf. Noch 45 Minuten. Theo lehnte sich an Jonas, Lenis Sätze wurden kürzer. Die letzte Stunde, hier scheitern die meisten Silvester-mit-Kindern-Pläne. Jetzt musste Rhino Hero Super Battle ran.
Rhino Hero ist ein Stapelspiel. Aus Karten baut man ein Hochhaus, Etage für Etage, Superhelden-Figuren klettern nach oben. Ab der fünften Etage zittern alle Hände. Ab der achten hält jeder die Luft an. Und wenn der Turm fällt (und er fällt immer), ist das genau die Reaktion die man um Viertel vor zwölf braucht.
Erste Runde: Sieben Etagen. Theo pustete dagegen (absichtlich? Unklar) und alles krachte zusammen. Leni schrie. Theo schrie. Jonas und ich zuckten zusammen wie bei einem Silvesterböller.
Zweite Runde: Neun Etagen, Familienrekord. Leni platzierte die letzte Karte mit einer Konzentration die ich sonst nur von ihr kenne wenn sie Perlen auffädelt. Stille. Alle hielten die Luft an. Die Karte lag. Der Turm wackelte. Stand. Drei Sekunden. Dann: totaler Einsturz. Karten auf dem Tisch, auf dem Boden, in Theos Kindersekt-Glas. Und alle lachten, dieses Lachen das von ganz tief kommt.
Elf Uhr fünfzig. Noch eine Runde? "JAAA!" Rhino Hero hatte geliefert.
- Stapeln und Zittern, purer Nervenkitzel
- Wenn der Turm fällt, ist der ganze Tisch wach
- Kinder lieben die Superhelden-Figuren
- Braucht einen stabilen Tisch
- Aufräumen nach dem Einsturz dauert
Mitternacht
Der Turm fiel zum dritten Mal um 23:56. Wir räumten nicht auf. Jonas machte das Fenster auf, kalte Luft und die Geräusche der Nachbarschaft kamen rein. Leni stellte sich ans Fenster: "Noch vier Minuten!"
Theo saß auf meinem Schoß, müde aber wach. Er hielt eine Rhino-Hero-Karte als Glücksbringer fest. (Die mit dem Spinnen-Affen. Warum der Glück bringt? Konnte er nicht erklären. Musste er auch nicht.)
Mitternacht. Raketen. Wunderkerzen auf dem Balkon, die Kinder staunend. Leni: "Ich hab's geschafft, Mama!" Und ja. Das hatte sie.
Theo schlief um 00:07 ein. Auf meinem Arm, zwischen Spielkarten und Konfetti. Leni hielt bis halb eins durch und erzählte von ihren Vorsätzen (mehr Zombie Kidz spielen und einen Hund bekommen, in dieser Reihenfolge).
Ich saß noch eine Weile da und dachte: Das war es. Nicht die Raketen, nicht der Sekt. Ein Vierjähriger der auf meinem Schoß schläft. Eine Sechsjährige die Mitternacht zum ersten Mal erlebt hat und es mit Spielen verbinden wird. Ein Abend, an dem die größte Aufregung ein einstürzender Kartenturm war.
Silvester mit Kindern ist manchmal chaotisch und meistens anders als geplant. Aber an diesem Abend war es genau richtig.
Wer noch nach Inspiration für spontane Familienspiele sucht: Da haben wir einiges zusammengetragen. Und für alle, die den nächsten Spieleabend richtig planen wollen: Es lohnt sich, ein paar Gedanken in die Auswahl zu stecken.