Spieleabend mit den Schwiegereltern an Weihnachten: Ein Überlebensbericht
Mein Schwiegervater hat an Weihnachten zum ersten Mal in seinem Leben freiwillig ein Spiel gespielt, das nach 2005 erfunden wurde. Ich bin immer noch fassungslos.
Die Ausgangslage
Okay, kurz vorweg: Ich hatte echt Schiss vor diesem Abend. Nicht Panik-Schiss, eher so dieses nagende Gefühl, wenn man weiß dass man gleich was vorschlagen wird, das auch komplett nach hinten losgehen kann. Wie Karaoke vorschlagen, wenn man die Gruppe nicht kennt. Nur schlimmer, weil Schwiegereltern.
Sarahs Eltern waren über Weihnachten bei uns. Gisela und Hartmut. (Ich nenne sie seit drei Jahren beim Vornamen und es fühlt sich immer noch falsch an. Jedes Mal wenn ich "Hartmut" sage, klingt es in meinem Kopf wie eine Frage.) Gisela spielt gerne Rummikub. Und zwar NUR Rummikub. Das ist ihr gesamtes Spielerepertoire. Hartmut spielt gar nicht. Hartmut sitzt daneben, trinkt sein Bier und wirft gelegentlich einen Kommentar ein. Mehr so als Zuschauersport.
Dann noch Sarahs Schwester Katja mit ihrem Mann Dirk. Katja ist kompetitiv auf einem Level, das einfach nicht mehr normal ist. Die hat letztes Weihnachten beim Familienquiz eine Excel-Tabelle für die Punktestände angelegt. Excel. Am Heiligabend. Dirk ist das komplette Gegenteil. Total nett, will dass alle happy sind, und entschuldigt sich wenn er gewinnt. Jedes. Mal.
Also: drei Generationen, sechs Leute, und jeder hat eine komplett andere Vorstellung davon, was ein gelungener Abend ist. Klingt nach dem perfekten Rezept für eine Katastrophe. War es auch fast. Aber dann doch nicht.
Mein Plan: Mit was Leichtem anfangen, keinen verschrecken, und wenn alles schiefgeht liegt unter dem Sofa noch Rummikub als Rettungsanker. Solide Strategie, oder?
Der Eisbrecher
Ich hatte Just One mitgebracht. Kooperativ (niemand verliert gegen den Schwiegersohn) und die Regeln passen in zwei Sätze: Einer muss ein Wort erraten, alle anderen schreiben jeweils einen Hinweis auf, doppelte Hinweise fliegen raus. Fertig.
Gisela war sofort dabei. "Endlich mal was ohne halbe Stunde Anleitung." Direkter Seitenhieb auf letztes Weihnachten, als ich versucht hatte ihr Wingspan zu erklären. Hartmut hat erstmal abgewunken. "Ich guck mir das an." Klassiker.
Aber dann: Ich sollte "Pyramide" erraten. Katja schrieb "Pharao", Gisela "Dreieck", Dirk "Ägypten", Sarah "Cheops". Vier super Hinweise. Mein Tipp? "Toblerone." Kein Witz. Sarah hat mich angeschaut als hätte ich die Erde für flach erklärt. Aber Hartmut hat gelacht. Richtig gelacht. Und in der nächsten Runde mitgespielt, ohne dass jemand was gesagt hat.
Beim Wort "Strand" dann: Gisela "Ostsee", Katja "Bikini", Dirk "Sand", Hartmut "Strandkorb", ich "Urlaub". Fünf komplett verschiedene Assoziationen. Gisela zu Hartmut: "Siehst du, du denkst genauso wie ich, nur norddeutscher." DAS war der Moment wo der Abend gekippt ist.
- Kooperativ, kein Gegeneinander
- Regeln in zwei Sätzen erklärt
- Generiert automatisch Gesprächsstoff
- Maximal 7 Spieler
Der Überraschungshit
Nach drei Runden Just One war die Stimmung so gut, dass ich Dixit gewagt hab. Surreale Illustrationen auf Karten, einer beschreibt seine Karte mit einem Wort oder Satz, alle anderen legen verdeckt die passendste Karte aus ihrer Hand dazu. Dann wird geraten welche das Original war. Klingt schräg? Ist es auch. Und genau da dachte ich: Jetzt verlier ich Hartmut.
Aber Gisela nahm die Karten in die Hand und sagte: "Die sind ja wunderschön." Und Hartmut schaute über ihre Schulter und meinte: "Sehen aus wie die Bilder in dem Laden in Lübeck." Keine Ahnung welcher Laden. Aber ein Kompliment von Hartmut über ein Spiel? Innerlicher Luftsprung. Wer nach Spielen sucht, die auch in Familien ohne große Vorbereitung funktionieren, dem kann ich Dixit wirklich empfehlen.
Erste Runde. Katja legte eine Karte und sagte: "Montag." Hartmut legte eine Karte mit einem Typen der einen riesigen Stein einen Berg hochrollt. Drei von uns tippten auf Hartmuts Karte statt auf Katjas. "Das IST Montag", sagte Dirk. Das ist das Ding mit Dixit: Es geht darum wie jemand die Welt sieht. Gisela beschrieb eine Karte mit einer Frau die auf einem Wal reitet als "Donnerstagnachmittag bei Oma". Zehn Minuten Gespräch darüber. Ihre Oma hat donnerstags immer die wildesten Geschichten erzählt. Wusste ich nicht. Sarah auch nicht. Sowas passiert bei Kaffee und Stollen einfach nicht.
Hartmuts Beschreibungen waren die trockensten am Tisch und gleichzeitig die lustigsten. Für ein Haus das auf dem Kopf stand sagte er nur: "Ikea-Regal."
- Keine Sprachbarriere, Bilder statt Wissen
- Jeder denkt anders und das ist der Witz
- Wunderschöne Illustrationen
- Kann anfangs etwas abstrakt wirken
- Braucht mindestens 4 Spieler für die beste Dynamik
Codenames als Nachtisch
Was danach passierte war nicht geplant. Ich hab noch Codenames rausgeholt, "nur eine Runde". Teams: Gisela und Katja gegen Hartmut, Dirk und mich. Sarah war Spielleiterin. Und hier hab ich was kapiert was ich vorher nie bedacht hatte: Wenn man die Generationen in Teams mischt, passiert was Magisches. Man muss plötzlich überlegen welche Hinweise die andere Generation checkt.
Katja gab den Hinweis "Stream, 2" und meinte damit Netflix und Bach. Gisela tippte auf "Fluss" und "Forelle". Katjas Gesicht? Unbezahlbar. "Mama, Stream! Wie Netflix!" Gisela ganz trocken: "Ich kenn das Wort, ich bin alt, nicht blöd. Aber Forellen leben in Streams." Ich meine... technisch hat sie nicht Unrecht?
In unserem Team war Hartmut Hinweisgeber. Sein erster Hinweis: "Werkzeug, 3." Die drei Wörter die er meinte? Hammer, Nagel, Zange. Null Zögern. Drei Sekunden, alle drei richtig. Dirk und ich haben gejubelt wie bei der WM. Hartmut hat nur genickt. Hartmut-Style halt.
- Teams mischen die Generationen
- Einfache Regeln, tiefe Strategie
- Unendlicher Wiederspielwert
- Braucht mindestens 4 Spieler
- Spielleiter-Rolle kann am Anfang einschüchtern
Das Pokerface-Duell
Es war halb elf, alle im "letztes Spiel"-Modus, und Katja zog ihr Handy raus. Normalerweise der Moment wo ich innerlich die Augen verdrehe. Aber Katja meinte: "Alle Handys raus."
Let's Fib. QR-Code scannen, 30 Sekunden später spielen alle. Die Erklärung passt in einen Satz: Einer bekommt die echte Antwort, alle anderen denken sich was aus, dann wird geraten wer die Wahrheit sagt.
Und hier zeigte sich: Hartmuts stoisches Gesicht, das mich drei Jahre lang beim Abendessen leicht eingeschüchtert hat? Im Let's Fib ist es eine Superkraft. Die Frage war "Was ist das unnötigste Küchengerät?", Hartmut hatte die echte Antwort, und sein Gesicht sah dabei exakt so aus wie bei den Runden wo er geflunkert hat. Null Emotion. Komplettes Pokerface. Vier Runden in Folge gewonnen weil niemand erkennen kann ob er lügt oder nicht.
Gisela dagegen? Hat bei jeder eigenen Lüge angefangen zu kichern bevor sie fertig getippt hatte. "Ich kann nicht lügen, das konnte ich noch nie!" Hat den Spaß null gemindert. Im Gegenteil.
Am Ende hat Hartmut sein Handy hochgehalten und zu mir gesagt: "Das ist ein gutes Spiel." Hartmut. Hat ein Handyspiel gelobt. An Weihnachten. Sarah und ich haben uns angeguckt als wäre gerade ein historisches Ereignis passiert.
- Null Vorbereitung, läuft im Browser
- Alle spielen gleichzeitig am Handy
- Lügen mit Pokerface ist generationsübergreifend lustig
- Jeder braucht ein Handy mit Internet
Was ich gelernt habe
Der Abend hat mir ein paar Sachen gezeigt die ich komplett falsch eingeschätzt hatte.
Nicht die Spiele sind entscheidend, sondern die Reihenfolge. Hätten wir mit Codenames angefangen wäre Hartmut hundertpro auf dem Sofa sitzen geblieben. Just One als Einstieg hat die Hürde so niedrig gelegt, dass Mitmachen keine bewusste Entscheidung mehr war. Es ist einfach passiert. Und dann ist man drin.
Kooperativ vor kompetitiv. Immer. Gerade wenn Leute dabei sind die sich nicht so gut kennen oder selten spielen. Niemand will beim ersten Spiel des Abends gegen den Schwiegersohn verlieren. Oder gewinnen. Beides unangenehm. Just One umgeht das komplett weil alle im selben Team sind.
Kurze Regeln schlagen alles. Giselas Kommentar über Wingspan war kein Witz. Für Leute die selten spielen ist eine Regelerklärung die länger als eine Minute dauert ein sofortiges K.O.-Kriterium. Dann sind sie mental schon beim Rummikub.
Spiele die Geschichten erzählen verbinden Generationen. Dixit hat an diesem einen Abend mehr Familiengeschichten zutage gefördert als die kompletten Feiertage zusammen. Die Bilder triggern Erinnerungen und plötzlich redet man über Sachen die sonst nie zur Sprache kommen. Hätte ich vorher nicht geglaubt.
Handyspiele funktionieren wenn alle gleichzeitig am Handy sind. Let's Fib hat bewiesen dass das Problem nicht das Handy ist, sondern wenn einer alleine drauf guckt während die anderen spielen. Wenn alle gleichzeitig tippen und lachen gibt es keinen Moment wo sich jemand ausgeklinkt fühlt. Selbst Hartmut.
Und das Beste? Hartmut hat beim Abschied gefragt wann wir das nächste Mal spielen. Hartmut. DER Hartmut. Gisela hat sich die Spielenamen aufgeschrieben. Katja hat Codenames sofort auf ihre Wunschliste gesetzt. Und Sarah hat mich auf dem Weg ins Bett angeschaut und gesagt: "Das war das beste Weihnachten seit Jahren."
Manchmal muss man nicht die kompliziertesten Spiele mitbringen. Manchmal reichen die richtigen. Wer den nächsten Familienabend planen will, findet in unserem Guide zum Spieleabend organisieren noch mehr Tipps.