Warum wir kein Monopoly mehr spielen

Eine ehrliche Abrechnung mit dem Spiel, das mehr Abende ruiniert hat als schlechtes Wetter.

Stefan Stefan · · 6 Min. Lesezeit
Ein Monopoly-Spielbrett auf einem Tisch, Spielfiguren liegen umgeworfen herum

Der letzte Abend mit Monopoly

Es war an einem Samstagabend im März. Vier Leute, viel zu viele Snacks, Monopoly auf dem Tisch. Klingt nach einem ganz normalen Spieleabend. War es auch. Bis Stunde drei.

Jens saß seit anderthalb Stunden auf seinen drei Grundstücken in der Badstraße-Ecke und wartete darauf, dass irgendwas passiert. Spoiler: Es passierte nichts. Er hat in dieser Zeit zwei komplette Podcast-Folgen gehört. Mit einem Ohr. Mitspielen konnte man das nicht mehr nennen.

Auf der anderen Seite des Tisches hatte Markus die Schlossallee und die Parkstraße. Hotels drauf. Drei von uns waren praktisch pleite, und jeder Würfelwurf war russisches Roulette. Nicht die spannende Art. Die frustrierende Art, bei der man schon vorher weiß dass man verliert und trotzdem weiterspielen muss weil ja "man kann sich noch erholen".

Kann man nicht. Konnte man noch nie.

Frustrierte Spieler am Tisch, einer lehnt sich genervt zurück

Der Knackpunkt kam um kurz vor Mitternacht. Ich bin auf Markus' Parkstraße gelandet (natürlich), konnte die Miete nicht zahlen und wollte aufgeben. "Du kannst nicht einfach aufhören!" Doch, kann ich. Will ich. Es ist fast Mitternacht, ich bin seit einer Stunde faktisch aus dem Spiel und tue nur noch so als würde ich mitspielen.

Was dann folgte war eine 20-minütige Diskussion darüber, ob man Monopoly vorzeitig beenden darf. Jens war auf meiner Seite (er hatte ja auch nichts mehr zu verlieren). Markus fand das unfair ("Ich hab eine Strategie gespielt!"). Und Sarah, die eigentlich vermitteln wollte, wurde dann auch noch laut weil sie "den ganzen Abend für nichts hier gesessen" hat.

Wir haben an dem Abend kein anderes Spiel mehr gespielt. Jeder ist genervt nach Hause. Am Montag haben Markus und ich kurz geschrieben. "War ein komischer Abend." "Ja." Seitdem liegt Monopoly ganz unten im Schrank. Unter dem Scrabble, das auch niemand mehr anfasst.

Monopoly Nie wieder 2–6 Spieler · 90–180+ Min.
  • Jeder kennt die Regeln
  • Nostalgiefaktor
  • Dauert ewig
  • Einer gewinnt, alle anderen leiden
  • Zerstört Freundschaften (nicht übertrieben)

Was Monopoly so furchtbar macht

Versteht mich nicht falsch: Monopoly ist nicht grundsätzlich schlecht. Es ist halt ein Spiel aus den 1930ern, das nie dafür gedacht war, Spaß zu machen. (Okay, das klingt hart. Aber die ursprüngliche Version sollte tatsächlich zeigen, wie unfair Kapitalismus ist. Mission accomplished, würde ich sagen.)

Das Problem lässt sich auf ein paar Punkte runterbrechen:

Es dauert viel zu lange. Auf der Packung steht was von 60 bis 90 Minuten. Das ist gelogen. Oder es gilt nur, wenn alle Spieler nach exakt denselben Regeln spielen (tut niemand) und niemand Hausregeln einführt (tut jeder). Unser Durchschnitt lag bei knapp drei Stunden. Drei. Stunden. Für ein Würfelspiel.

Ab Stunde zwei ist es für die Hälfte der Spieler vorbei. Das ist der eigentliche Designfehler. Monopoly hat keinen Aufholmechanismus. Wer früh die richtigen Straßen kauft, gewinnt. Alle anderen sitzen noch zwei Stunden da und schauen zu, wie ihr Geld langsam verschwindet. Das ist kein Spiel, das ist eine Übung in Geduld.

Die Regeln kennt niemand richtig. Frei Parken gibt kein Geld. Wenn jemand eine Straße nicht kauft, wird sie versteigert. Grundsteuer ist ein fester Betrag. Wusstet ihr das alles? Wir nicht. Und jede Gruppe hat ihre eigenen Hausregeln, die das Spiel meistens noch länger machen.

Es wird persönlich. Handel ist in Monopoly kein freundlicher Austausch. Es ist Psychologie. "Ich geb dir die Elisenstraße, wenn du mir die Lessingstraße gibst." "Nie im Leben, du baust da sofort ein Hotel." Und plötzlich verhandelt man nicht mehr über Plastikstraßen sondern über Vertrauen. An einem Spieleabend. Um halb elf.

Der Wendepunkt

Nach dem Abend im März haben wir beschlossen: Wir kaufen neue Spiele. Richtige Spiele. Von Leuten die wissen was sie tun. Das Budget war 100 Euro, und wir haben das beste Investment unseres Spieleabend-Lebens gemacht.

Sarah (ja, die Sarah die sauer war) hat sich tatsächlich am meisten reingehängt. Hat Rezensionen gelesen, YouTube-Videos geschaut, in Foren gestöbert. Sie kam mit einer Liste von Spielen zurück, die alle etwas gemeinsam hatten: keine endlosen Wartezeiten, echte Entscheidungen, und eine Spieldauer unter 90 Minuten. Wer sich auch gerade einen Spieleabend organisieren will, kennt das Problem: Die Spielauswahl entscheidet über alles.

Bunte Brettspiele in Sechseck-Anordnung, modern und einladend

Was stattdessen auf den Tisch kommt

Die Siedler von Catan

Catan war unser Einstieg. Und was soll ich sagen: Beim ersten Spieleabend mit Catan hat niemand auf die Uhr geschaut. Nicht ein Mal. Das Spiel dauert knapp 90 Minuten, fühlt sich aber an wie 30, weil man ständig am Handeln, Planen und Fluchen ist (im positiven Sinne).

Was Catan besser macht als Monopoly? Man hat echte Entscheidungen. Nicht "ich würfle und lande irgendwo", sondern "baue ich jetzt eine Siedlung oder spare ich auf eine Stadt". Und der Handel funktioniert, weil beide Seiten was davon haben. Bei Monopoly tauscht man aus Verzweiflung. Bei Catan tauscht man aus Taktik.

Catan Unser neuer Klassiker 3–4 Spieler · 60–90 Min.
  • Handel sorgt für Interaktion
  • Jede Partie anders
  • Faire Spielzeit
  • Maximal 4 Spieler (ohne Erweiterung)
  • Würfelpech kann nerven

Ticket to Ride

Bunte Brettspiele neben Snacks auf einem gemütlichen Tisch

Zug um Zug ist das Spiel, mit dem wir Leute überzeugen die sagen "Ich bin kein Brettspieler". Die Regeln sind in fünf Minuten erklärt (wirklich fünf, nicht die "fünf Minuten" die eigentlich zwanzig sind), und nach einer Runde hat jeder das Prinzip verstanden.

Man sammelt Karten und baut Zugstrecken zwischen Städten. Fertig. Das ist das ganze Spiel. Aber irgendwie ist es unglaublich befriedigend, seine Strecke fertig zu bauen. Und der Moment wenn jemand einem die letzte Verbindung vor der Nase wegschnappt? Klassiker.

Zug um Zug Perfekt für Einsteiger 2–5 Spieler · 45–60 Min.
  • Regeln in 5 Minuten erklärt
  • Entspannte Atmosphäre
  • Angenehme Spieldauer
  • Wenig direkte Interaktion

Carcassonne

Carcassonne ist unser Geheimtipp für zwischendurch. 30 bis 45 Minuten, einfache Regeln, aber erstaunlich taktisch. Man legt Plättchen an eine wachsende Landschaft an und setzt kleine Figuren drauf um Punkte zu sammeln.

Der Moment wenn man jemandem die riesige Stadt klaut, an der er drei Runden gebaut hat, indem man geschickt einen eigenen Meeple reinschmuggelt? Unbezahlbar. Jens macht das bei jeder Partie. Mindestens einmal. Er nennt es "taktisches Mitbauen", wir nennen es anders.

Carcassonne Unterschätzter Dauerbrenner 2–5 Spieler · 30–45 Min.
  • Simpel, aber taktisch
  • Kurze Spieldauer
  • Entspannt und trotzdem spannend
  • Punkte zählen am Ende nervt

Unser Fazit

Monopoly liegt immer noch im Schrank. Ganz unten. Manchmal guckt jemand drauf und sagt "Wollen wir vielleicht..." und dann sagen alle gleichzeitig "Nein."

Was wir gelernt haben: Ein gutes Spiel hält alle Spieler die ganze Zeit über beschäftigt. Klingt offensichtlich, ist es aber nicht. Monopoly schafft das nicht. Catan, Ticket to Ride und Carcassonne schon. Und unsere Spieleabende sind seitdem komplett anders. Besser. Kürzer (auf eine gute Art). Und ohne Diskussionen um Mitternacht ob man jetzt aufhören darf.

Falls ihr auch noch Monopoly spielt: Probiert was Neues. Ernsthaft. Gebt 30 Euro für Carcassonne oder Ticket to Ride aus und schaut was passiert. Wer gar keine Lust auf Brettspiele hat, findet vielleicht mit Spielen ohne Material einen leichteren Einstieg — Handy reicht.

Eure Monopoly-Geschichten

Wir sind offenbar nicht die Einzigen mit Monopoly-Trauma.

"Bei uns hat mein Schwager letztes Weihnachten den Tisch umgeworfen. Buchstäblich. Hotels und Geldscheine überall. Seitdem ist Monopoly bei Familientreffen offiziell verboten."

Patrick aus München

"Wir spielen seit zwei Jahren nur noch Catan und Ticket to Ride. Seitdem kommen alle tatsächlich gerne zum Spieleabend. Vorher mussten wir Leute überreden."

Lisa & Franzi

"Meine Freundin und ich haben uns wegen Monopoly fast getrennt. Kein Witz. Sie hat die Bank 'verwaltet' und sich selbst Kredit gegeben. Carcassonne hat uns gerettet."

Hendrik
Veröffentlicht am ·Aktualisiert am