Nur Spiele unter 15 Minuten: Unser Experiment

Was passiert, wenn man einen ganzen Abend lang nur Spiele spielt, die in 15 Minuten durch sind? Mehr als man denkt.

Stefan Stefan · · 6 Min. Lesezeit
Tisch voller kleiner Kartenspiele und eine Sanduhr, die fast abgelaufen ist

Die Idee

Es fing an mit einem ganz normalen Problem: Zu wenig Zeit. Markus konnte erst um neun, Sarah musste um halb zwölf weg, und Jens hatte vorher schon angekündigt dass er "nicht so lang" bleiben kann (was bei Jens alles zwischen 45 Minuten und drei Stunden bedeuten kann, man weiß es nie).

Also: Vielleicht zweieinhalb Stunden effektive Spielzeit. Normalerweise reicht das für ein richtiges Brettspiel, vielleicht zwei. Aber irgendwie hatte ich keine Lust auf ein Spiel, bei dem man 15 Minuten Regeln erklärt und dann merkt dass die Hälfte nicht aufgepasst hat.

Dann kam die Idee. Eigentlich als Witz. "Was wenn wir heute Abend nur Spiele unter 15 Minuten spielen?" Kurze Stille. Dann Markus: "Ernsthaft?" Ja, ernsthaft. Ein ganzer Abend, nur Kurzspiele. Eins nach dem anderen. Gefällt es nicht? Nächstes Spiel. Runde vorbei? Nächstes Spiel. Wie ein Tasting-Menü, nur mit Spielen statt Häppchen.

Wir haben das dann wirklich durchgezogen. Und ich schreibe diesen Beitrag, weil es einer der besten Spieleabende war, die wir je hatten.

Unsere Spielregeln

Bevor es losging haben wir uns drei Regeln gegeben:

1. Kein Spiel darf länger als 15 Minuten dauern. Wenn es auf der Packung steht: maximal 15 Minuten. Wenn es nicht auf der Packung steht (digitale Spiele, Partyspiele): Eine Runde muss in 15 Minuten machbar sein. Hart. Keine Ausnahmen.

2. Regelerklärung zählt mit. Das war Sarahs Idee und sie war brilliant. Wenn ein Spiel fünf Minuten Regelerklärung braucht, bleiben nur zehn Minuten zum Spielen. Das hat automatisch die Spiele rausgefiltert, die zwar kurz sind aber erst mal eine halbe Vorlesung brauchen.

3. Jeder darf ein Veto einlegen. Einmal pro Abend, ohne Begründung. Jens hat seins direkt bei Dobble gezogen (dazu später mehr).

Insgesamt hatten wir sieben Spiele vorbereitet. Gespielt haben wir fünf davon, manche mehrfach. Und eins hat den ganzen Abend dominiert.

Wie der Abend lief

Kurze Chronologie, weil ich das selbst kaum glauben konnte:

21:10 – Alle da, Getränke auf dem Tisch. Ich erkläre das Experiment. Gemischte Reaktionen. Markus ist skeptisch ("Klingt wie Speed-Dating mit Spielen"), Sarah findet es gut, Jens zuckt mit den Schultern.

21:15 – Erste Runde 6 nimmt! als Aufwärmer. Regeln in zwei Minuten erklärt, nach acht Minuten fertig. Alle grinsen. "Okay, nächstes."

21:25 – Love Letter. Jens gewinnt drei Runden in Folge. Wirft den Prinzen jedes Mal zum perfekten Zeitpunkt. Markus vermutet Betrug. (War keiner. Jens ist einfach unfassbar gut im Bluffen.)

21:45 – Coup. Hier wird es laut. Sarah eliminiert alle in unter fünf Minuten. "Ich hab einfach gelogen. Jedes Mal." Respekt.

22:00 – Erstes Mal Let's Fib. Stille. Dann Lachen. Dann Chaos. Dann nochmal. Und nochmal.

22:45 – Wir spielen immer noch Let's Fib. Niemand will aufhören.

23:10 – Sarah muss los. "Schade, ich hätte noch weitergespielt." Sarah. Die um halb zwölf weg musste. Es ist zehn nach elf und sie findet es schade.

Das sagt eigentlich alles.

Let's Fib (der heimliche Star)

Freunde spielen Let's Fib auf ihren Handys und lachen

Ich muss hier ausführlicher werden, weil Let's Fib den Abend komplett an sich gerissen hat. Und das obwohl (oder gerade weil?) es technisch gesehen gar kein klassisches Spiel ist.

Für alle die es nicht kennen: Man spielt im Browser auf dem eigenen Handy. Es gibt eine Frage und alle Spieler schreiben eine falsche Antwort. Dann werden die echte Antwort und die erfundenen Antworten gemischt angezeigt, und jeder muss raten was stimmt. Wer andere mit seiner falschen Antwort reinlegt, kriegt Punkte. Wer die richtige Antwort findet, auch.

Was bei uns passiert ist: Markus hat bei einer Frage über Geografie eine so absurde Antwort geschrieben, dass alle dachten, das MUSS die echte sein. War es nicht. Er hat in einer Runde mehr Punkte gemacht als ich im ganzen Spiel.

Was Let's Fib so perfekt für diesen Abend gemacht hat:

Setup in Sekunden. Browser auf, Code eingeben, spielen. Keine App laden, kein Account, nichts. Das ist bei einem Abend mit vielen kurzen Spielen Gold wert.

Jede Runde ist anders. Wir haben bestimmt acht Runden gespielt und keine fühlte sich wie eine Wiederholung an. Wer generell auf der Suche nach Partyspielen fürs Handy ist, wird hier fündig.

Es wird persönlich (auf die gute Art). Man lernt Sachen über seine Freunde. Zum Beispiel dass Jens offenbar jede erdenkliche Antwort zu Physik-Fragen kennt, aber bei Popkultur komplett aufgeschmissen ist.

Kein Ausscheiden. Alle spielen immer mit. Niemand sitzt rum.

Der einzige Nachteil: Man hört nicht auf. Ernsthaft. "Noch eine Runde" ist der gefährlichste Satz des Abends. Wir haben 45 Minuten am Stück Let's Fib gespielt. In einem Abend der nur aus 15-Minuten-Spielen bestehen sollte. Die Ironie ist mir nicht entgangen.

Let's Fib Star des Abends 1–20+ Spieler · 5–10 Min.
  • Kostenlos im Browser
  • Jede Runde anders und überraschend
  • Geht mit jeder Gruppengröße
  • Suchtgefahr (eine Runde reicht nie)

Die anderen Kurzspiele

6 nimmt!

6 nimmt! war unser Opener und die perfekte Wahl dafür. Alle legen gleichzeitig eine Karte, dann wird aufgelöst. Keine Wartezeit, schnelle Runden, und dieses wunderbare Gefühl wenn man die perfekte Karte legt und jemand anders die Hornochsen einsammeln muss.

Was ich an 6 nimmt! mag: Man kann es wirklich jedem erklären. "Leg eine Karte. Niedrig ist gut. Sechste Karte in einer Reihe ist schlecht." Fertig.

6 nimmt! Perfekter Lückenfüller 2–10 Spieler · ~10 Min.
  • Alle legen gleichzeitig
  • Regeln in 2 Minuten erklärt
  • Funktioniert auch mit vielen Spielern
  • Manchmal reines Glück

Love Letter

Love Letter ist ein kleines Wunder. 16 Karten. Das ganze Spiel besteht aus 16 Karten. Und trotzdem sitzt man da und überlegt ernsthaft, ob man jetzt die Priesterin spielt oder den Baron. Es ist absurd wie viel Taktik in so wenig Material steckt.

Jens hat uns vorgeführt. Komplett. Er hat in drei aufeinanderfolgenden Runden die Prinzessin gehalten, ohne dass jemand ihn erwischt hat. Seine Technik: "Ich schau einfach gelangweilt." Das ist seine Bluff-Strategie. Gelangweilt schauen. Und es funktioniert.

Love Letter Überraschend taktisch 2–6 Spieler · ~10 Min.
  • 16 Karten, trotzdem tiefgründig
  • Bluffelement sorgt für Spannung
  • Passt in jede Hosentasche
  • Maximal 6 Spieler
  • Zu zweit etwas dünn

Coup

Coup ist Love Letter für Leute, die gerne lügen. Man hat zwei Karten die Rollen darstellen und behauptet einfach, man hätte was man braucht. Stimmt das? Keine Ahnung. Glaubt mir jemand? Hoffentlich.

Das Ding an Coup: Es eskaliert wahnsinnig schnell. In unserer zweiten Runde hat Sarah in der ersten Aktion behauptet, sie hätte den Herzog (hatte sie nicht), Geld kassiert, und dann in der nächsten Runde alle mit der Assassine eliminiert (die hatte sie wirklich). Fünf Minuten, fertig.

Coup Für Lügner und Bluffer 2–6 Spieler · ~10 Min.
  • Pures Bluffen, jede Runde anders
  • Schnelle Eliminierung hält Spannung hoch
  • Ausgeschiedene warten kurz
  • Braucht mindestens 4 Spieler

Dobble (das Veto-Spiel)

Dobble haben wir genau eine Runde gespielt. Dann hat Jens sein Veto gezogen. "Mir wird davon schwindelig." Fair enough. Es ist ein Reaktionsspiel bei dem man auf runden Karten das gemeinsame Symbol finden muss, und ja, es ist hektisch. Sehr hektisch.

Dobble Laut und schnell 2–8 Spieler · ~5 Min.
  • Reaktion statt Strategie
  • Sofort verstanden
  • Wird nach 3 Runden repetitiv
  • Nicht jeder mag Hektik

Was wir gelernt haben

Dieses Experiment hat ein paar Sachen gezeigt, die ich nicht erwartet hätte:

Kurze Spiele sind nicht "weniger wert". Das war mein größtes Vorurteil vorher. Ich dachte, ein Abend nur mit Kurzspielen fühlt sich an wie Vorspeisen ohne Hauptgang. Falsch. Komplett falsch. Die Vielfalt hat es rausgerissen.

Spielerwechsel passieren natürlich. Jemand muss aufs Klo? Kein Problem, wir spielen eine Runde ohne dich, du steigst beim nächsten Spiel wieder ein. Das war so entspannt.

Die besten Momente waren zwischen den Spielen. Klingt paradox, aber die 30 Sekunden zwischen zwei Spielen waren oft die lustigsten. "Was war DAS eben?" Diese kleinen Nachbesprechungen, das gemeinsame Lachen über den gerade erlebten Blödsinn.

Nicht jedes Kurzspiel funktioniert. Dobble war zu hektisch, Coup hat Downtime-Probleme. Die Gewinner des Abends waren alle Spiele bei denen niemand ausscheidet und alle gleichzeitig spielen. Let's Fib vorne, 6 nimmt! als solider Zweiter.

15 Minuten sind die perfekte Grenze. Nicht 10 (zu kurz, man kommt nicht rein), nicht 20 (dann schleichen sich doch wieder die "kurzen" Brettspiele ein die eigentlich 40 Minuten dauern). 15 Minuten ist der Sweet Spot. Wer einen Spieleabend organisieren will, sollte ein paar Kurzspiele als Format-Experiment auf dem Schirm haben.

Machen wir das wieder? Auf jeden Fall. Nicht jedes Mal, Catan und Carcassonne haben immer noch ihren Platz. Aber als Format für Abende mit wenig Zeit oder gemischten Gruppen ist das 15-Minuten-Experiment ab sofort in unserer Rotation.

Eure Kurzspiel-Tipps

Was spielt ihr, wenn die Zeit knapp ist?

"Wir spielen seit Monaten nur noch Let's Fib als Warm-up. Inzwischen ist das Warm-up meistens länger als das eigentliche Spiel danach. Beschwert sich aber niemand."

Kai aus Düsseldorf

"6 nimmt! ist unser Geheimtipp für Familientreffen. Oma versteht es sofort und gewinnt meistens. Kein Plan wie sie das macht."

Anna & Tim

"Coup mit unserer WG ist der Grund warum wir uns nicht mehr vertrauen. Im besten Sinne. Gestern hat Mara behauptet, sie hätte die Herzogin. Zum fünften Mal in Folge. Hatte sie nicht."

Lena
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