Spiele für Leute, die keine Spiele mögen

Tobi hat drei Jahre lang jeden Spieleabend abgesagt. Dann war er einmal da. Jetzt fragt er jeden Mittwoch ob wir spielen.

Stefan Stefan · · 7 Min. Lesezeit
Illustration: Gemütlicher Spieleabend mit Brettspielen, Snacks und warmer Beleuchtung

Der Skeptiker

Tobi und ich kennen uns seit der Uni. Guter Typ. Witzig, entspannt, immer für alles zu haben. Alles, außer Spieleabende. Drei Jahre lang habe ich ihn eingeladen. Drei Jahre lang hat er abgesagt. Jedes Mal eine andere Ausrede: "Bin müde." "Hab schon was vor." "Ich bin echt kein Brettspieler." Einmal hat er ehrlich gesagt: "Alter, ich hab als Kind so oft Monopoly mit meinen Eltern gespielt, dass ich beim Wort Brettspiel Ausschlag bekomme."

Fair enough. Monopoly kann das mit einem machen. (Wir wissen wovon wir reden.)

Dann war es ein Freitagabend im November. Tobi stand vor meiner Tür weil unser gemeinsamer Kumpel Max ihn quasi mitgeschleift hat. "Ich bleib eine Stunde, maximal." Hat er gesagt. Um halb zwei hat er gefragt ob wir nicht noch eine Runde spielen können.

Was dazwischen passiert ist? Darum geht es hier.

Warum Skeptiker Spiele hassen

Bevor ich zu den Spielen komme: Ich hab mittlerweile einige Spielemuffel in meiner Runde gehabt und die Gründe sind fast immer dieselben. Wenn man die versteht, kann man auch was dagegen tun.

Schlechte Kindheitserinnerungen. Monopoly. Mensch ärgere Dich nicht. Risiko. Die Spiele, die unsere Eltern im Schrank hatten, waren (seien wir ehrlich) größtenteils furchtbar. Zu lang, zu frustrierend, zu viel Würfelpech. Wer als Kind drei Stunden Monopoly spielen musste und dann noch verloren hat, der denkt beim Wort "Brettspiel" halt nicht an einen lustigen Abend.

Zu komplexe Regeln. Jeder hat diesen einen Kumpel der mal versucht hat, einem Siedler von Catan zu erklären. "Also, du baust Siedlungen, dafür brauchst du Rohstoffe, die bekommst du wenn gewürfelt wird, aber nur wenn deine Siedlung an dem Feld steht wo die Zahl liegt, und dann gibt es noch den Räuber, der..." Nach drei Minuten schalten Skeptiker ab. Verständlich.

Angst, schlecht zu sein. Das sagt niemand laut. Aber es steckt oft dahinter. Keiner sitzt gerne in einer Runde voller Leute die wissen was sie tun und fühlt sich wie der Verlierer vom Dienst. Gerade bei strategischen Spielen kann das echt unangenehm werden.

"Ich bin zu alt für sowas." Der Klassiker. Als ob Spieleabende irgendwann ein Verfallsdatum hätten. Meistens kommt der Spruch von Leuten zwischen 25 und 35, die denken, Erwachsene trinken Wein und reden über Steuern statt Karten zu legen. (Spoiler: Man kann beides gleichzeitig.)

Bei Tobi war es eine Mischung aus allem. Monopoly-Trauma, keine Lust auf komplizierte Regeln, und ein bisschen die Angst, dass er keinen Spaß dran hat und dann peinlich da sitzt.

Die richtigen Spiele für den Einstieg

Hier ist der Trick: Die meisten Skeptiker hassen nicht Spiele. Die hassen die falschen Spiele. Es gibt Sachen, die sind in zwei Minuten erklärt, machen sofort Spaß und fühlen sich nicht mal wie ein klassisches Brettspiel an.

Let's Fib: Der Eisbrecher

Illustration: Smartphones auf einem Tisch mit dem Partyspiel Let's Fib, Spieler lachen über kreative Antworten

Let's Fib war das Erste, was ich an dem Abend mit Tobi ausgepackt habe. Also, nicht mal ausgepackt. Man geht auf die Website, jeder holt sein Handy raus, und los geht's. Keine Box, keine Karten, keine Regeln die man erklären muss.

Das Prinzip: Es kommen Fragen, alle tippen Antworten ein, dann muss man raten was echt ist und was erfunden. Das war's. Wirklich. Tobis erste Reaktion: "Warte, das ist alles?" Ja. Das ist alles.

Nach drei Fragen hat er lauter gelacht als alle anderen. Weil Max als falsche Antwort auf "Was ist die Hauptstadt von Australien?" völlig trocken "Melbourne, das weiß doch jeder" geschrieben hat und Tobi drauf reingefallen ist. "Ich dachte es IS Melbourne!" (Ist es nicht. Canberra. Ja, ich musste auch googlen.)

Let's Fib funktioniert bei Skeptikern weil es sich anfühlt wie ein Witz unter Freunden, nicht wie ein Spiel mit Regeln und Gewinnern. Keiner verliert wirklich. Alle lachen. Perfekter Einstieg. Und wer sich vorher noch Spiele ohne Vorbereitung anschauen will: Die Hürde ist wirklich null.

Let's Fib Der Skeptiker-Killer 1–20+ Spieler · Dauer beliebig
  • Null Regeln, läuft im Browser
  • Alle spielen gleichzeitig, keiner wartet
  • Selbst Spielemuffel lachen nach 2 Minuten
  • Jeder braucht ein Handy

Skull: Bluffen in 90 Sekunden

Skull habe ich als Zweites gebracht. Weil: Wenn Let's Fib das Eis bricht, muss danach was kommen, das sich nach echtem Spiel anfühlt, aber trotzdem null Einstiegshürde hat.

Skull ist so simpel, dass es fast albern klingt: Jeder hat vier Scheiben. Drei Blumen, ein Totenkopf. Man legt verdeckt eine Scheibe und bietet dann reihum, wie viele man aufdecken kann, ohne den Totenkopf zu erwischen. Das war's. Regelerklärung: 90 Sekunden. Kein Witz.

Tobi hat in der ersten Runde sofort den Totenkopf gelegt und alle angelächelt. "Was? Ich hab ein ehrliches Gesicht." Hatte er nicht. Wir haben es alle gesehen. Max hat trotzdem aufgedeckt. Natürlich Totenkopf. Der ganze Tisch hat sich kaputtgelacht, Tobi am lautesten.

Das ist das Geniale an Skull für Skeptiker: Es geht um Menschenkenntnis, nicht um Regeln. Man schaut jemandem ins Gesicht und entscheidet ob man ihm glaubt. Dafür muss man kein Spieler sein. Dafür muss man nur Leute kennen. (Funktioniert übrigens auch als Eisbrecher mit komplett Fremden.) Und plötzlich sitzt der Typ, der vor einer Stunde noch "Brettspiele sind langweilig" gesagt hat, da und blufft wie ein Profi.

Skull 90 Sekunden Regeln, stundenlang Spaß 3–6 Spieler · 15–30 Min.
  • Simpelstes Bluffspiel das es gibt
  • Sofort persönlich und lustig
  • Kompakt, passt in jede Tasche
  • Maximal 6 Spieler

Hitster: Musik statt Spielbrett

Illustration: Spielkarten auf einem Tisch, Leute diskutieren und lachen

Hitster war der absolute Gamechanger an dem Abend. Weil es sich anfühlt wie gar kein Spiel. Man hört Songs über Spotify, und muss raten aus welchem Jahr die sind. Dann sortiert man die Karte in seine Timeline ein. Wer seine Songs chronologisch richtig sortiert, gewinnt.

Klingt simpel? Ist es. Aber der Moment wenn "Gangsta's Paradise" läuft und Tobi steif behauptet das sei von 2001 ("Das lief doch immer in meiner Jugend!") und es in Wahrheit 1995 war, das sind die Geschichten die man noch Wochen später erzählt.

Was Hitster so perfekt für Skeptiker macht: Es fühlt sich an wie Musikhören mit Freunden, nicht wie ein Brettspiel. Kein Spielbrett, keine komplizierten Mechaniken, nur Songs und Diskussionen. Max und Tobi haben sich zehn Minuten darüber gestritten, ob Backstreet Boys vor oder nach den Spice Girls kamen. Das hat nichts mehr mit Spieleabend zu tun. Das ist einfach ein guter Abend.

Und genau da will man Skeptiker hinbringen: Zu dem Punkt, wo sie vergessen, dass sie gerade ein Spiel spielen.

Hitster Das Anti-Brettspiel 2–10 Spieler · 20–30 Min.
  • Musik statt Spielbrett, fühlt sich null wie ein Spiel an
  • Jeder kennt irgendwelche Songs
  • Sofort Gesprächsstoff und Nostalgie
  • Braucht Spotify oder ähnliches
  • Musikgeschmack kann spalten

Pictures: Kreativ ohne Talent

Pictures habe ich als letztes rausgeholt. Spiel des Jahres 2020, und zwar zurecht. Das Prinzip: Es liegen 16 Fotos aus. Jeder bekommt eins zugewiesen und muss es mit Material darstellen. Schnürsenkel, Bauklötze, Farbwürfel, Stöckchen. Die anderen raten, welches Foto gemeint ist.

Das Geniale: Man muss nicht zeichnen können. Man muss nicht kreativ sein im klassischen Sinn. Man legt Schnürsenkel in eine Form und hofft dass die anderen das Richtige erkennen. Klingt komisch? Funktioniert unfassbar gut.

Tobi hat ein Foto von einem Leuchtturm mit vier Stöckchen und einem Farbwürfel dargestellt. Sah aus wie nichts. Max hat es trotzdem erraten. Tobi: "WOHER?!" Max: "Der orange Würfel oben drauf, war klar." Ab da hat Tobi bei jeder Runde versucht, immer abstraktere Darstellungen zu machen. Aus dem Skeptiker wurde ein Ehrgeizling.

Pictures funktioniert bei Spielemuffeln weil es keinen Wettbewerbsdruck gibt. Klar, es gibt Punkte. Aber eigentlich geht es ums Lachen, wenn jemand mit drei Schnürsenkeln versucht eine Katze darzustellen. Das ist der Moment wo Skeptiker merken: Ach so, DAS ist ein Spieleabend. Nicht Monopoly. Nicht Frustration. Einfach zusammen lachen.

Pictures Kreativ ohne Druck 3–5 Spieler · 30 Min.
  • Spiel des Jahres 2020, zurecht
  • Keine Vorkenntnisse, reine Kreativität
  • Jede Runde überrascht
  • Maximal 5 Spieler
  • Braucht etwas Platz auf dem Tisch

Was gar nicht funktioniert

Weil ich auch schon Fehler gemacht habe. Nicht jeder Versuch, Skeptiker zu überzeugen, war erfolgreich.

Zu komplexe Spiele auspacken. Ich hab mal versucht, einem Kumpel Wingspan zu erklären. Tolles Spiel. Aber nach zehn Minuten Regelerklärung hat er gesagt "Ich guck lieber zu" und sein Handy rausgeholt. Lektion gelernt: Wenn die Regeln länger als zwei Minuten dauern, verlierst du Skeptiker.

Vielspielern zuschauen lassen. Der schlimmste Move überhaupt. "Schau erstmal eine Runde zu, dann verstehst du es." Niemand will zuschauen. Zuschauen ist langweilig. Zuschauen bestätigt jeden Vorurteil das der Skeptiker mitgebracht hat. Einfach mitspielen lassen, auch wenn die erste Runde holprig ist.

Leute zum Mitmachen zwingen. Auch das musste ich lernen. "Komm, probier es wenigstens!" funktioniert genau einmal. Wenn das Spiel dann nicht zündet, hat man die Person für immer verloren. Lieber die Tür offen lassen. "Wir spielen gleich was, wenn du willst kannst du mitmachen." Kein Druck.

Mit den falschen Spielen anfangen. Locker schlägt strategisch. Immer. Zumindest am Anfang. Wenn jemand, der skeptisch ist, in der ersten Runde gegen erfahrene Spieler verliert, kommt der nicht wieder. Bei Let's Fib oder Skull kann das nicht passieren. Da geht es um Lachen, nicht um Gewinnen.

Und dann hat Tobi gefragt, wann der nächste Spieleabend ist

Halb zwei nachts. Wir hatten fünf Stunden gespielt. Tobi, der nach einer Stunde gehen wollte, saß immer noch da. Sein letzter Satz an dem Abend: "Okay, das war... unerwartet gut. Wann macht ihr das nächste Mal?"

Er kommt seitdem fast jede Woche. Hat sich mittlerweile sogar selbst Hitster gekauft ("Perfekt für Partys"). Und letztens hat er (kein Witz) seine Freundin mitgebracht, die "eigentlich auch keine Spielerin" ist. Hat nach der zweiten Runde Pictures gefragt, ob wir das öfter machen.

Wenn mir jemand vor drei Jahren gesagt hätte, dass Tobi mal der Typ ist, der in unsere Spieleabend-Gruppe fragt wann der nächste Termin ist, hätte ich gelacht. Aber genau so läuft das: Man braucht die richtigen Spiele, null Druck und ein bisschen Geduld. Den Rest machen die Spiele von alleine.

Funktioniert übrigens auch mit Schwiegereltern. Hartmut hat an Weihnachten zum ersten Mal freiwillig ein Spiel gelobt. Wenn das kein Beweis ist.

Falls ihr auch einen Tobi in eurem Freundeskreis habt: Probiert Let's Fib. Ernsthaft. Handys raus, losspielen, kein Erklären nötig. Wenn das nicht funktioniert, funktioniert gar nichts. (Aber es funktioniert. Immer.) Wer noch mehr Partyspiele fürs Handy sucht, wird auch dort fündig.

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